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Kommentar von Leo Malet |
Leo Malet: Die Brücke im Nebel (SWF 1989)
Burma: Mein Wagen war in der Inspektion, also nahm ich die Metro ins 13. Arrondissement, hätte mir auch ein Taxi leisten können, aber bis Weihnachten waren es noch eineinhalb Monate, außerdem nieselte es hundsgemein und dann lösen sich in Paris die Taxis bekanntlich in Luft auf, laufen einfach ein, sobald sie vom ersten Tropfen naß werden, ich nahm also die Metro, setzte mich ins 1. Klasseabteil der Linie Eglise de Pantin - Place d'Italie und las noch mal diesen mysteriösen, nach billigem Parfüm riechenden Brief.
Benoit: Lieber Genosse, ich wende mich an dich auch wenn du flic geworden bist, aber du bist anders als die anderen flics und außerdem kenne ich dich von klein auf, ein Scheißkerl hat ne Schweinerei vor, komm zu mir ins Hopital de la Salpetriere, dann erklär ich dir, wie du ein paar Freunden helfen kannst, in brüderlicher Verbundenheit, Abel Benoit.
Burma: Keine Ahnung wer Abel Benoit war, keine Erinnerung an das Parfüm, wahrscheinlich wollte mich einer im November in den April schicken, plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden, hinter der Trennscheibe zur 2. Klasse stand ein Mädchen, sie sah aus, als pflücke sie 1000km weiter weg Vergißmeinicht, als unsere Blicke sich trafen sah sie mir direkt in die Augen und blinzelte mir kaum merklich zu, ein aufregendes Mädchen, Anfang 20, tolle Figur, blauschwarz-schimmernde Haare, eine Zigeunerin wohl, an der Station Gare d'Austerlitz stieg ich aus, sie auch.
Belita: Sie sind Nestor Burma, stimmts.
Burma: Ja, und sie.
Belita: Gehen sie nicht hin, es ist umsonst.
Burma: Wohin soll ich nicht gehen.
Belita: Da wo sie hingehen, zu Abel Benoit, es hat keinen Zweck mehr.
Burma: Mit einer energischen Kopfbewegung warf sie ihre schwarze Haarpracht zurück, die Ohrringe klirrten gegeneinander, da stieg mir eine Wolke des billigen Parfüms in die Nase.
Belita: Er ist tot.
Burma: Dann war es doch kein Aprilscherz.
Belita: Wie meinen sie das.
Burma: Nur so, weiter.
Belita: Das ist alles.
Burma: Entweder haben sie schon zu viel gesagt oder nicht genug, wann ist er gestorben.
Belita: Heute morgen, er wollte sie sehen aber dazu ist es ja jetzt zu spät, vielleicht habe ich seinen Brief zuspät zur Post gebracht.
Burma: Ich hab doch so was gerochen, waren sie mit ihm verwandt.
Belita: Er war ein alter Freund von mir, so was wie ein Adoptivvater.
Burma: Was wollte er von mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Aber er hat ihnen von mir erzählt.
Belita: Ja.
Burma: Was.
Belita: Sie wären ein Flic, Privatflic aber anders als die anderen, ganz in Ordnung, ich könnte ihnen vertrauen.
Burma: Und, vertrauen sie mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Viel wissen sie wirklich nicht.
Belita: Nur daß er tot ist.
Burma: Ja jedenfalls behaupten sie das.
Belita: Glauben sie mir nicht.
Burma: Hören sie meine liebe, haben sie auch einen Namen.
Belita: Belita, Belita Morales.
Burma: Also meine liebe Belita, ich glaube im Allgemeinen nur das was ich sehe, sie erzählen mir er sei nicht mehr und ich geh wieder nach hause, leider gehe ich nie so schnell nach hause, ich bin hartnäckig.
Belita: Ich weiß.
Burma: Ach endlich wissen sie mal was.
Belita: Ja das hat er mir nämlich auch erzählt.
Burma: Ich gehe in die Salpetriere und sie kommen mit.
Belita: Nein.
Burma: Und wenn ich sie mir unter den Arm klemme.
Belita: Das würde ich ihnen nicht raten.
Burma: Na schon gut, gehe ich eben allein, werde sie schon wiederfinden.
Belita: Das wird nicht schwer sein, ich warte auf sie.
Fabre: Sieh mal einer an, Genosse Burma, herzlich willkommen Genosse Burma.
Burma: Zum Glück bin ich kein flic, sonst würde ich sie bei ihrem Vorgesetzten verpfeifen, was soll denn dieses Vokabular, sind sie bei den Kommunisten.
Fabre: Diese Frage wollte ich ihnen stellen.
Burma: Dieser Staatsbürger in ziviler Uniform war niemand anders als Inspektor Fabre, einer der Leute meines Freundes Florimond Faroux, Chef der Kripozentrale.
Burma: Ich bin kein Kommunist.
Fabre: Aber sie waren Anarchist, vielleicht sind sies immer noch, für mich ist das alles eins.
Burma: Schon lange her seit ich die letzte Bombe geworfen habe.
Fabre: Verdammte Anarchisten.
Burma: Jetzt reichts aber Mr McCarthy, schon mal was von G. Clemenceau gehört.
Fabre: Der Tiger.
Burma: Genau dem, dem ersten Flic der Nation, wie er sich selbst getauft hat, wer mit 16 kein Anarchist war, ist ein Dummkopf.
Fabre: Das hat er gesagt der Tiger.
Burma: Jawohl mein lieber.
Fabre: Aber sollte er nicht hinzugefügt haben, aber auch der ist einer der mit 40 immer noch einer ist oder so ähnlich.
Burma: Stimmt, so was ähnliches soll er auch gesagt haben.
Fabre: Hören wir auf mit dem Quatsch, sie wollten zu Abel Benoit.
Burma: Und sie haben direkt auf mich gewartet.
Fabre: Genau, an sich ist der Fall klar, ein Überfall bei dem das Opfer dran glauben mußte aber daß sie das Opfer kannten fanden wir ganz lustig Kommissar Faroux und ich.
Burma: Es wird sogar noch lustiger, ich kannte diesen Abel Benoit überhaupt nicht.
Fabre: Warum haben sie dann nach ihm gefragt.
Burma: Kommen sie schauen wir uns die Leiche an.
Fabre: Na Monsieur Burma.
Burma: Falls ich ihn kannte, hatte er bestimmt weniger Haare auf der Oberlippe, dafür mehr auf dem Schädel, vielleicht hat er auch gelacht.
Fabre: Ja soll vorkommen, im Augenblick sieht er ziemlich wütend aus.
Burma: Vielleicht ist ihm zu kalt, sagen sie, hatte dieser Abel Benoit noch andere Namen.
Fabre: Lenantais.
Burma: Lenantais, der aus Nord.
Fabre: Kein Spitzname, Lenantais ein Wort, Abel.
Burma: Großer Gott, Albert Lenantais, natürlich kannte ich ihn.
Fabre: Wann und wo.
Burma: Vor 30 Jahren in der Rue Tolbiac, Heim für Vegetalier.
Fabre: Falsch.
Burma: Wieso falsch.
Fabre: Vegetarier.
Burma: Was lernt ihr eigentlich auf der Polizeischule, Vegetalier, Vegetarier essen kein Fleisch, dafür aber Eier und Milchprodukte, Vegetalier dagegen essen ausschließlich pflanzliche Kost, einer behauptete sogar man müsse Gras fressen direkt von der Wiese, auf allen vieren.
Fabre: Und Lenantais, war das auch so ein Bekloppter.
Burma: Ein bißchen.
Burma: Ich erinnerte mich an eine Szene im Vegetalierheim, es war kurz vor Weihnachten, der Genosse Garum kam in den Schlafsaal, schnüffelte, sah einen anderen Genossen seine Pfeife rauchen, ging auf ihn zu, nahm ihm die Pfeife aus dem Mund und schmiß sie gegen die Wand, daß sie zerbrach.
Benoit: Genosse Garum, das war ein autoritärer Akt, eines Anarchisten unwürdig, willst du uns vielleicht eines Tages auch noch zwingen, auf allen vieren Gras zu fressen, du kannst tun und lassen was du willst, kannst erzählen wie schädlich Tabak ist, aber du mußt die Sklaven solcher Bedürfnisse durch Argumente überzeugen nicht durch autoritäres Verhalten.
Ich nenn das verrückt aber das wundert mich nicht sie kennen sowieso nur verrückte.
Faroux: Nanana ganz so hart wollen wir das nicht ausdrücken.
Burma: Sieh an, Kommissar Faroux bemüht sich persönlich.
Faroux: Wann haben sie Lenantais zum letzten Mal gesehen.
Burma: Vor 30 Jahren, reicht das, und jetzt erzählen sie mir was hier gespielt wird.
Faroux: Gehen wir in ein Bistro.
Burma: Okay, ich brauch sowieso einen Schluck.
Faroux: Ein seltsame art das andenken in ehren halten wo er doch nur Wasser trank.
Burma: Er war tolerant.
Faroux: Was trinken sie.
Burma: Whisky, wenn sie mir schon einen ausgeben, dann wollen sie mir bestimmt sagen, was sie schon alles wissen, also raus damit, zB wo wohnte er.
Faroux: Passage des Hautes-Formes, gleich um die Ecke von der rue de tolbiac in einem Schuppen.
Burma: Und was machte er so.
Faroux: Er handelte mit Lumpen und kümmerte sich um eine schöne Zigeunerin, die im Nebenhaus wohnt, im übrigen hat er eine Menge Zeitungsauschnitte gesammelt.
Burma: Das ist nichts besonderes, machen viele.
Faroux: Aber nur Berichte über Kriminalfälle, in die ein gewisser Nestor Burma verwickelt war, meistens geschrieben von einem Journalisten mit eindeutigem Ruf.
Burma: Damit konnte nur mein trinkfreudiger Journalistenfreund gemeint sein, dessen Geschmacksnerven waren zwar vom Saufen lädiert aber sein Zinken roch die heißen Fälle schon vom weitem.
Burma: Kommissar sie entschuldigen mich einen Augenblick.
Frau: Redaktion Le Crepuscule.
Burma: Nestor Burma, geben sie mir Marc Covet.
Frau: Ich verbinde.
Covet: Hallo.
Burma: Burma, wieder mal mit ner kleinen Bitte, sieh doch bitte mal nach, was in den letzten Tagen über das 13. Arrondissement zusammengeschmiert worden ist, zwischen den Dreizeilern da muß irgendwas über einen Lumpensammler namens Abel Benoit stehen, richtiger Name Lenantais, recherchier mal ein bißchen und fabrizier einen Artikel über 30 Zeilen und paß auf daß er auch gedruckt wird.
Covet: Ist das der anfang von was.
Burma: Schon das ende, er ist tot, hab ihn gekannt, vor ner Ewigkeit.
Covet: Und jetzt sorgst du posthum für Publizität.
Burma: Ach, der hat bestimmt keinen Wert drauf gelegt, in der Zeitung zu stehen, ein ganz bescheidener.
Covet: Also mißachtest du seinen Willen.
Burma: Kann schon sein.
Burma: Ich schickte die Schnipsel von Lenantais Brief mit der Wasserspülung auf große Fahrt, genehmigte mir noch ein Glas an der Theke und machte mich auf zur Passage des Hautes-Formes, um dieser süßen Belita einen besuch abzustatten, hier sah es noch aus wie unter dem ancient regime, links und rechts nichts als Baracken, höchstens mal 1 Etage drauf.
Burma: He, he, wo finde ich den Schuppen von Abel Benoit.
Mann: Am ende vom hof links.
Burma: Und dahinter schimmerte Licht durch die Haustür, sie war nicht abgeschlossen, und schon war ich drin im Hausflur, und mitten in einem Mordsgestank von verwesenden Chrysanthemen, eine Stiege führte ins obere Stockwerk, wer quält hier kleine Mädchen um die zeit, ein furchtbares Weib drehte sich um, der Kopf saß direkt auf einer mottenzerfressenen Pelzjacke, eine Peitsche in der Hand.
Burma: Hallo Belita.
Frau: Belita, Belita, der fickt dich also, mit irgendeinem mußt du ja ficken, du Hure.
Burma: Ich schlafe immer allein.
Frau: Und du, du Hurenbock.
Burma: Halt eine Schnauze, oder was das große schwarze Loch da ist, pack deine Titten ein und dann verpiß dich, so das wärs.
Belita: Danke.
Burma: Schon gut, übrigens sie haben nicht auf mich gewartet heute nachmittag.
Belita: Ich hab die flics gesehen.
Burma: Dachte ich mir, aber erstmal müssen wir das behandeln.
Burma: Ich zeigte auf ihre Brust und sah mir die Striemen näher an, die die Alte ihr mit der Peitsche beigebracht hatte, eindrucksvoll, sieht nicht gut aus.
Belita: Ich kümmer mich drum.
Burma: Na legen sie sich hin.
Burma: Ich nahm das erstbeste Handtuch und machte ihr eine Kompresse, es war nicht so schlimm wie ich ursprünglich angenommen hatte, ich stopfte meine Pfeife, mir war kotzelend, dazu der Gestank von unten, kurzentschlossen ging ich runter, schnappte mir die Kiste mit Chrysanthemen und warf alles auf den Hof, das wärs, sagte ich schon zum zweiten mal, erzählen sie mal von vorn und keine Märchen, hm.
Belita: Also gut, das ist seine Brieftasche, Abel hat ausgesagt, er sei von Arabern überfallen worden, aber das ist nicht wahr, ich sollte die Brieftasche verstecken, damit es so aussah, als hätte man ihn ausgeraubt.
Burma: Was ähliches hab ich schon die ganze zeit gedacht, ist noch alles drin.
Belita: Wofür halten sie mich.
Burma: Es waren 30000 franc drin aber sonst nichts, was mich weiterbrachte, Belita wollte das Geld nicht, und da steckte ich es erstmal ein, wer war die alte Hexe.
Belita: Dolores, vorhin bevor sie kamen hat sie mir erzählt, daß Abel ein Abkommen mit ihr hatte.
Burma: Abel hatte ein Abkommen mit ihr.
Belita: Er hat mich gekauft.
Burma: Gekauft.
Belita: Ja.
Burma: Und warum kauft ein Lumpensammler eine junge Zigeunerin.
Belita: Mit der Sippe kam ich vor 4 Jahren nach Lübri, dort lernten wir Abel kennen, Dolores haßte mich, er riet mir wegzugehen, aber ich konnte nicht, als es noch schlimmer wurde, ging ich zu ihm, er brachte mir lesen und schreiben bei, sorgte für mich.
Burma: Und wieso gekauft.
Belita: Er zahlte damit sie mich in ruhe ließen.
Burma: Ach jeden Tag verlier ich eine Illusion, ich dachte die Zigeuner hätten mehr Charakter.
Belita: Nur eines hätten sie niemals geduldet.
Burma: Was.
Belita: Wenn er mit mir geschlafen hätte.
Burma: Und.
Belita: Er hat mich nie angerührt, und das wußten sie, manche Dinge spüren wir instinktiv.
Burma: Wir.
Belita: In gewisser Hinsicht gehör ich noch zu ihnen.
Burma: Ja, das hat sich die liebe Dolores heute auch gesagt, sie wollte sie zurückholen, stimmts, also nochmal zu Abel, er kam schwerverletzt hier an und dann.
Belita: Erst sträubte er sich gegen das Krankenhaus, meinetwegen hat er nachgegeben, dann in die Salpetriere hat er gesagt, du lieferst mich einfach dort ab, ohne Erklärung, mein Privatleben geht niemand was an.
Burma: Er hat ihnen die Salpetriere genannt, warum.
Belita: Er kannte dort einen Arzt, glaub ich, werden sie ihn rächen, den Scheißkerl der ihn umgebracht hat.
Burma: Was ich vergessen habe wo ist er überfallen worden hat er ihnen das erzählt.
Belita: Er hat was von der rue watt gesagt, die Straße die unter der Bahn durchführt von der rue cantagrel zum quai de la gare.
Burma: Watt, ein vielversprechender Name um licht ins dunkel zu bringen, hoffentlich blieb es nicht bei versprechen, in den folgenden Stunden versuchte ich so viel wie möglich aus ihr rauszuholen, Lenantais Gewohnheiten, Freunde, Geschäftsfreunde, nichts brauchbares, aber Lenantais Geschichte war auch meine, zum teil jedenfalls und ich erzählte Belita von einem zornigen jungen Mann, Nestor Burma mit Namen, der hier in der Gegend rumgelatscht war, scheiß viertel ist das hier Belita, miese gegend, hier bin ich kaputtgemacht worden, hat sich zwar ziemlich viel verändert seit meiner Zeit, aber da ist immer noch das selbe Klima, hau ab, Belita, hau ab, verscheuer deine Blumen wo du willst, aber verschwinde aus dieser Gegend, es stinkt hier nach Elend, nach Unglück.
Belita: Jetzt hast du mich gedutzt.
Burma: Schlimm, bei Anarchisten duzt man sich schnell.
Belita: Ich finds gut, erzähl mir mehr aus dem Vegetalierheim, warum haßt du diese Zeit.
Burma: Weil nicht alle waren wie Lenantais, die meisten waren große Ärsche, Lacorre, der fing immer Streit mit mir an, ich verkaufte damals Zeitungen, um mir ein bißchen fressen zu kaufen.
Lacorre: Und ich sag friß doch wenn du so großen Hunger hast, verdammt, nennt sich Anarchist und verkauft bürgerliche Zeitungen, der Anarchist mit der Eisbombe.
Benoit: Jetzt reichts aber Lacorre, was soll er denn machen, bist du vielleicht ein besserer Anarchist.
Lacorre: Allerdings.
Benoit: Möchte wissen ob du überhaupt weißt, was das ist, bei uns kann jeder kommen und gehen, wie er will, wir fragen nicht danach was er ist.
Lacorre: Hätte noch gefehlt.
Benoit: Trotzdem ein Anarchist ist was anderes.
Lacorre: Jedenfalls verhält sich ein Anarchist nicht so passiv, er resigniert nicht, wie das Bürschen da, er läßt sich nicht dazu herab diesen bürgerlichen Schund zu verkaufen, er wehrt sich, schlägt sich durch, klaut.
Benoit: Leeres geschwätz, jeder kann sein leben leben wie er es für richtig hält solange er die Freiheit des anderen nicht einschränkt, der da verkauft sein Käseblättchen, du simulierst Arbeitsunfälle, unterstehst vor der Kontrolluntersuchung bei der Sozialversicherung, solange du noch kein Geldboten überfallen hast, mußt du die Schnauze halten.
Lacorre: Und du, hast du vielleicht einen Geldboten überfallen.
Benoit: Ich hab mir 2 Jahre Bau einfangen für Falschmünzerei, bin ich stolz drauf, aber das ist meiner Meinung nach was anderes als vorgetäuschte Unfälle.
Lacorre: Dabei wirds nicht bleiben, eines Tages passiert was, dann werden wir sehen, wozu ich eigentlich fähig bin, ich kann auch Geldboten zusammenschlagen.
Belita: Warum sollte Lacorre einen Geldboten überfallen.
Burma: Wir diskutieren damals die sog. illegale Aktion, die Frage war, sollten wir dem Kapital durch individuelle Aneignung oder gewalttätige Enteignung wie das damals hieß einen Schlag versetzen.
Belita: Wie alt warst du da.
Burma: 17.
Belita: Warum wurde von dir nicht dasselbe verlangt wie von Lacorre.
Burma: Ich hatte zwar nichts zu beißen, schlief im Vegetalierheim, aber als kühner Spieler des Lebens wie die Aktionisten genannt wurden war ich nicht vorgesehen.
Belita: Abel mochte dich wohl besonders.
Burma: Sind offenbar beide Abels Lieblinge gewesen.
Belita: Und jetzt beschützt du mich vor Dolores, das ist doch kein Zufall.
Burma: Ich sollte gehen.
Belita: Bleib, komm zu mir, halt mich ganz fest.
Burma: Der Nebel hatte sich verzogen, eine gelbe Sonne kitzelte die kahlen Akazien in der rue de tolbiac, Passanten eilten an mir vorbei, ein ganz normales Viertel mit seinen Geschäften, seiner Zeitungsverkäuferin an der Ecke, ich kaufte die 5 Uhr Ausgabe des Crepuscule und ging ins nächste Bistro, Marc Covet hatte einen ziemlich langen Artikel über Lenantais Tod hingeschmiert, jetzt mußte ich nur noch warten daß jemand diesen Artikel las und reagierte, aber wer und wie, ich kaufte Croissants und Milch, und ging in die Passage des Hautes-Formes zurück, Belita stand im Hof und stopfte in den verfaulten Chrysanthemen in den Mülleimer, ihr Morgenmantel gähnte was das Zeug hielt.
Burma: Berührst du mich, nein, ich auch nicht.
Belita: Paß auf, hinter dir, Salvador.
Salvador: Los, mitkommen.
Burma: Wer ich.
Salvador: Die da.
Burma: Du haust jetzt ganz schnell wieder ab.
Salvador: Vor dir.
Burma: Ich bin nicht allein, mit Blei in der Birne kannst nicht mehr hinter deinen Cousinen herrennen.
Burma: Der Kerl machte ein dämliches Gesicht und trat den Rückzug an.
Salvador: Ich hau ja schon ab.
Burma: Das ging ziemlich glatt, aber irgendwas würde noch kommen und es kam.
Salvador: So du Großmaul, zeig mal ob du immer noch der tolle Beschützer bist.
Burma: Plötzlich war er auch zu zweit, mit einem Messer das gefährlich blitzte.
Burma: Keinen scheiß du machst dich unglücklich.
Salvador: Aber du bist dann nicht mehr dabei.
Burma: Du wirst gleich mitgenommen von den beiden hinter dir.
Burma: Der Kleine fiel auf diesen Uralttrick herein und drehte sich um, das Messer fiel auf das holprige Pflaster, mit dem Fuß schoß sie es weit weg unter die Tür von Lenantais Schuppen.
Salvador: Fühl dich nicht so sicher, wir werden uns wiedersehen.
Burma: Salvador wußte jetzt, daß ich mit ihr schlief, also nichts wie weg aus dieser ungesunden Gegend.
Helene: Agentur Fiat Lux.
Burma: Helene, hier Burma, gibts was Neues.
Helene: Nein Chef, hier herrscht himmlische Ruhe.
Burma: Und mein Freund Florimond Faroux.
Helene: Nichts Chef.
Burma: Übrigens in meiner Wohnung ist vorübergehend ein Klient untergebracht.
Helene: Hmh, nach ihren leuchtenden Augen zu urteilen handelt es sich wohl eher um eine Klientin.
Burma: Ihre Eifersucht ist bezaubernd schöne Helene.
Burma: Der Tag begann vielversprechend, keine Spur, kein Hinweis, mit Belita klapperte ich alle Lumpensammlerkollegen von Lenantais ab, nichts, in der Brasserie Rose nahmen wir kleinen Imbiß, ich lud Belita ins Kino ein, ein Kriminalfilm, vielleicht fiel mir dabei was intelligentes ein, wieder nichts, wir schlichen durch den verbummelten Tag.
Burma: Der einzige, der uns weiterhelfen kann, ist der Arzt in der Salpetriere, aber wie find ich den unter tausend Ärzten.
Belita: Madre dios, der Arzt.
Burma: Was ist mit dem Arzt.
Belita: Der ihn immer zuhause behandelt hat, ist schon ziemlich lang her, fast 2 Jahre, vielleicht ist er das.
Burma: Ist er bestimmt, wie heißt er.
Belita: Weiß ich nicht mehr, aber er hat ein Rezept ausschreiben, ich bin damals selbst zur Apotheke gegangen.
Burma: Also zurück in die Passage des Hautes-Formes, wenn er das Rezept aufbewahrt hat, werde ich es finden, die flics haben sich bestimmt nicht für das Rezept interessiert.
Burma: Lenantais wohnte über seinem Schuppen, oben sah es genauso aus wie unten, Lumpensammler und dazu noch Anarchist, da blieb die Ordnung auf der Strecke, offensichtlich hatte aber auch der Arm des Gesetzes geholfen, dieses Chaos anzurichten, die Bücher waren einfach aus dem Regal gerissen, und im Staub lagen ein paar seltene Nummern von Emile Pouget Le Pere Peinard und Sabotage neben Standardwerken wie Wegweiser für einen anarchistischen Individualisten von E. Armand, über einen Moral ohne Zwang von Guyau und Jule der Glückliche von Gore Vidal, tote Buchstaben und tote Gedanken, die nur noch Sammlerherzen höher schlagen lassen, mich kotzten sie an, ich ging wieder runter und schaute mich noch mal im Lager um, in eine Ecke, in die kaum Licht fiel, lag ein seltsamer Lumpenhaufen, einer mit Hosen und Regenmantel.
Belita: Schon wieder ein toter.
Burma: Reg dich nicht auf, du kennst Nestor Burma erst seit 24 Std, was Besseres kann mir gar nicht passieren, jetzt nimm dich zusammen und sieh dir die Leiche an, kennst du den.
Belita: Nie gesehen.
Burma: Papiere hatte der Kerl auch nicht dabei, dafür aber ein Messer im Rücken.
Burma: Salvador ist gut im messerwerfen, oja, hat gut getroffen.
Burma: Wer konnte dieses Opfer sein, neben ihm lag die heutige Ausgabe des Crepuscule mit Mark Covets Artikel über Lenantais, aufgeschlagen, mich traf also eine gewisse Mitschuld, irgendjemand hatte den Artikel gelesen und reagiert.
Belita: Was machen wir jetzt.
Burma: Die flics müssen ihn nicht unbedingt hier finden, aber ich möchte wissen, wer er ist, das können die besser rauskriegen, ich würd ihn irgendwo hinlegen wo er nicht zu lange vor sich hin schimmelt, ist Lenantais alte Kiste noch zu gebrauchen, sicher, hoffentlich hält der Nebel noch ein weilchen.
Burma: Wir hievten die Leiche auf Lenantais alten Fordtransporter, fuhren durch die rue national und bogen dann links in die rue de tolbiac ein, zur Seine hin wurde der Nebel immer dichter, drang sogar durch unsere Kleider, meine Finger waren blau gefroren, krampften sich ums Lenkrad, ohne daß ichs wollte, ab und zu spürte ich Belitas Schenkel, wir fuhren wie durch dreckige Watte.
Belita: Rue de tolbiac.
Burma: Hier drunter sind die Gleise vom gare d austerlitz.
Belita: Sei vorsichtig.
Burma: Blödes arschloch, war wohl völlig besoffen.
Burma: Ich warf den Wagen wieder an, bald waren wir am Seineufer, überall lag Alteisen, der Unbekannte würde sich auf diesem Schrotthaufen wie zuhause fühlen, hatte sich ja bei Lenantais schon dafür interessiert, ich hielt an, stieg aus und lief nach hinten.
Burma: Wir haben ihn verloren, hahaha, dem hat es bei uns nicht gefallen, oder er ist per Anhalter gefahren, ich dachte Tote schlafen fest.
Burma: Wir fuhren denselben Weg zurück, mitten auf dem pont de tolbiac, im dicken Nebel kaum zu erkennen, beugten sich zwei Schatten mit Pelerine über ein längliches Paket.
Burma: Ich glaube, ich hab mir einen Schluck verdient, du auch.
Belita: Ich hab Angst, cheri.
Burma: Ach was, mon amour.
Belita: Aber vielleicht kann ich dir doch helfen, Abels Mörder zu finden, wir müssen noch zur Heilsarmee, mit denen machte Abel auch Geschäfte.
Burma: Jaja, die Soldaten Gottes haben ihn abgemurkst.
Burma: Der nächste morgen fing beunruhigend erfolgreich an, unsere verlorene Leiche war identifiziert, die Zeitungen machten die Geschichte groß auf.
Belita: Bis zu seinem Tod brachte der pont de tolbiac Inspektor Ballard nur Unglück.
Burma: Norbert Ballard war vor 20 Jahren beauftragt, das Verschwinden des Geldboten Daniel aufzuklären, dessen Spuren sich auf dem Pont de tolbiac verloren hatten, Ballard gelang es nie das Rätsel aufzuklären, er wurde darüber schwermütig, wurde frühzeitig pensioniert, und suchte sein restliches Leben lang die Lösung.
Belita: Man konnte ihn häufig in der Nähe der rue dechevalier oder an den quais herumirren sehen, dieser harmlose friedliche Wahn muß ihm wohl zum Verhängnis geworden sein, wie seine frühere Kunden kehrte er an den Ort seines Verbrechens, seines Falles, seines Geheimnises zurück, dort fiel er seinen Mördern in die Hände, was bedeutet das.
Burma: Eins steht jedenfalls fest, Salvador war es nicht.
Burma: Und noch ein Erfolg, Helene hatte Lenantais Arzt ausfindig gemacht, weiß der Teufel wie und sie hatte sogar schon mit ihm geredet.
Helene: Ein gewisser Dr Kodorat, kennen sie ihn.
Burma: Nein nie gehört.
Helene: Aber er kennt sie.
Burma: und woher wissen sie das.
Helene: Er meinte, falls es sich um Abel Benoit handeln würde, sollten sie sich besser an Monsieur Baurenot wenden, er sei bereits unterrichtet und erwarte sie.
Burma: Danke Helene, können sie sich das erklären.
Helene: Vielleicht lesen auch Ärzte manchmal Zeitung.
Burma: Ich möchte zu Monsieur Baurenot.
Mann: Sie haben Glück, eine Minute später, und ich hätte sie nicht mehr reingelassen.
Burma: Warum.
Mann: Hören sie die Säge, Monsieur.
Burma: Jetzt nicht mehr.
Mann: Eben, die Stunde x, Streik.
Burma: Ich ging hoch ins Büro, ein Mann von rund 50 Jahren stand am Fenster und sah durch die Gardine auf den Fabrikhof, gutgekleidet, fett, breite Schultern, Charles Baurenot drehte sich zu mir um, musterte mich und meine Zeitungen, die ich unter dem Arm festgeklemmt hatte.
Baurenot: Nestor Burma, altes Haus, was hast du denn die ganze Zeit getrieben.
Burma: Ich muß wohl ziemlich blöd gekuckt haben, in der tat war ich auf eine solche Begrüßung nicht gefaßt.
Baurenot: Na dämmert dir langsam, wer hätte das gedacht, Detektiv, naja, mein Name sagt dir wohl nichts, was, ja damals nannte ich mich Diporeno.
Burma: Im Club der aufständischen, Boulevard August Longin, Thema wer ist schuld, die Gesellschaft oder der Verbrecher, Cami Berni.
Baurenot: Nicht so laut, Cami Berni ist tot und begraben, war übrigens mein Name bei Anarchisten, mein richtiger Name ist Claude Baurenot, dein Name steht öfter in den Zeitungen, Privatflic, ist ein Unterschied, ein kleiner, also um was geht es.
Burma: Ich schätze, daß dich in allernächster Zeit jemand belästigen wird.
Baurenot: Aha, versteh ich nicht.
Burma: Ich erzählte ihm von Lenantais Brief, und von meiner Überzeugung, daß ich jetzt die Freunde oder zumindest einen der Freunde gefunden hatte, denen ich nach Meinung des Alt und Exgenossen Lenantais hätte helfen sollen.
Baurenot: Irgendein Schwein bringt Lenantais um, hat ne Sauerei vor, du sollst diese gemeinsamen Freunde davor bewahren ja gut gut aber wieso hast du sofort an mich gedacht.
Burma: ZB weil ihr euch immer noch gesehen habt, weil du ihm geholfen hast, weil du seinen Arzt bezahlt hast.
Baurenot: Weil ich ihn manchmal beneidet habe, jawohl, alle reichen Säcke erzählen dieses Märchen, aber ich mein das anders, er hatte so was unverdorbenes an sich, das tut richtig gut, und deshalb hab ich ihm den Arzt bezahlt.
Burma: Und der Arzt hat der sich nicht gewundert.
Baurenot: Ein guter Freund von mir, hat gedacht ich wäre besonders barmherzig, wenn ich einem Lumpensammler helfe, es war keine.
Burma: Sondern Erinnerung an die Vergangenheit, egal was aus uns noch wird, so ganz löst man sich nie davon.
Baurenot: Die Vergangenheit ist vergangen, meine Vergangenheit ist mir scheißegal.
Jean: Scheiße, hast du die Zeitung gelesen.
Burma: Der Mann sah mich an und blieb wie angewurzelt stehen, eckiges Kinn, elegant gekleidet, Brille mit Goldrand, dunkle Augen, gehetzter Blick, er schien krank, blaß in den Knien.
Baurenot: Hey Burma, kennst du Delond nicht mehr.
Burma: Ich hab ihn nur unter Jean gekannt, ich glaube jetzt würde ich langsam sämtliche Vegetalier wiedererkennen.
Jean: Natürlich, hätte dich kaum wiedererkannt, du warst damals ein ganz kleiner scheißer, unseren Älteren gebührt Respekt, um ein haar hätte man mir nicht aufgemacht, die streiken also tatsächlich, scheint wohl die Zeit zu sein, was hast du, bist du krank, du siehst, irgendwas ist mir schlecht bekommen, die Austern glaub ich.
Burma: Wir tranken Champagner, redeten über die alte Zeiten, über ehemaligen Genossen aus dem Vegetalierheim, ich ließ so richtig Dampf ab und schimpfte auf den grasfressenden Barbardu und das Arschloch von Lacore, Delong wurde immer blaßer. Was ist denn mit dir los.
Baurenot: Vorurteile, sich weiterentwicklen na gut, auch ruhig sein Mäntelchen nach dem Wind hängen, was ist daran schlimmes, aber Jean meint, das mit Lacorre das war ein starkes Stück.
Burma: Hat er den Geldboten überfallen.
Baurenot: Nein, besser, oder schlechter, wir habens aus der Zeitung erfahren, er hat vor etwa 20 Jahren seine Freundin umgebracht, weil sie ihn betrogen hat hier.
Burma: Apropos vor 20 Jahren und Geldbote, vielleicht erzählt ihr mir mal was über das Geheimnis des tolbiac, ihr habt doch den Geldboten der Kühlfirma um die Ecke gebracht, stimmts.
Baurenot: Du jetzt reichts aber.
Burma: Ich zitier aus der Zeitung von heute, auch die Polizeispitzel des Milieus waren für Inspektor Ballard keine Hilfe, entweder Einzelgänger oder Anarchisten, schätze ich, Anarchisten waren keine typischen Gangster, sie waren auch keine Verräter, intelligente Verbrecher.
Baurenot: Intelligente Verbrecher, wenn ich das schon höre.
Burma: Das hast du damals selbst gepredigt, im Vegetalierheim, weiter, ich will euch sagen wie ihr es gemacht hat, Lenantais und ihr zwei, bequatscht den Angestellten der Kühlfirma, das Geld, das er mit sich rumschleppt, unter euch aufzuteilen, der Geldbote soll untertauchen, taucht aber nach einiger Zeit wieder auf, als ihr das Geld schon unter euch beiden verschachert habt, ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.
Baurenot: Aha, ist aber schade.
Burma: Ihr seid Charakterschwein, im Gegensatz zu Albert Lenantais, er hat euch vertraut und mir auch, denn ich sollte euch warnen, verdammt noch mal ich soll euch nicht die Leviten lesen ist mir scheißegal was ihr gemacht habt, aber eins sag ich euch, ich werde Alberts Mörder finden, auch wenn ihr mir nicht helft.
Baurenot: Wir können dir leider nicht helfen, weil wir nichts damit zutun haben, glaubst du wenigstes selbst an deine Geschichte.
Burma: Nicht unbedingt, ist so ne Art Diskusionsgrundlage.
Baurenot: Dann ist die Diskussion wohl beendet.
Burma: Ein paar Minuten später saß ich in einem Bistro an der Avenue Decobe und spülte mir den Champagnergeschmack aus dem Mund, dann rief ich in meiner Wohnung an, es hob niemand ab, verdammt, Lenantais, der pont de tolbiac, diese Anarchos, war mir scheißegal, ich mußte mich verwählt haben, aber es nahm immer noch niemand ab, ich rannte aus dem Bistro und nahm mir ein Taxi.
Burma: Belita, Belita.
Burma: Auf dem Bett lag ein Zettel. Es ist besser, wenn ich gehe.
Belita: Es ist besser, wenn ich gehe, Salvator hat bewiesen wozu er fähig ist, wenn ich bei dir bleibe, wird er dich töten, ich will nicht, daß er dich tötet.
Burma: Ich lief durch die Stadt auf der Suche nach Belita, und ein bißchen Ruhe in meiner Brust, ich ging über den pont national über die breite Steintreppe, stand plötzlich wieder auf der Kreuzung cantagrel watt scherale, die Gebäude der Heilsarmee erinnerten mich wieder an Belita, hatte sie nicht von Lenantais Geschäftsbeziehung mit der Heilsarmee gesprochen, dieses Viertel geht aufs Gemüt, und ich rief meinen Freund Marc Covet an, um mich in Gesellschaft zu besaufen.
Covet: Nestor Burma hat Kummer, schlimm.
Burma: Ja sieht so aus.
Covet: Komm spucks aus, worum gehts, ne Frau.
Burma: Auch und vor allem das Gefühl, daß ich nahe dran bin, aber keine Idee, ich brauch sie doppelt, einmal so, und als Muse.
Covet: Wie verstehe ich denn das.
Burma: Belita hat was gesagt von Lenantais und der Heilsarmee, jetzt ist sie weg, ich find sie nicht mehr, weiß sowieso nicht weiter, was soll ich mit der Heilsarmee.
Covet: Vielleicht einen alten Anarchisten, bei ihnen untergeschlüpft ist, das machen solche Kerle öfter, wenn sie rauskommen.
Burma: Bleib sitzen, und sauf eine auf meine kosten.
Covet: Ja mach ich.
Mann: gott ist mit dir.
Burma: Mag schon sein aber ich bin Schriftsteller, und bereite ein Buch vor über Bagno-Sträflinge, die wieder Fuß gefaßt haben nach ihrer Entlassung, und da ich weiß, daß die Heilsarmee sich derer annimmt, ist meine Frage, ob sie mir nicht Gesprächspartner aus ihren Reihen empfehlen, falls sie überhaupt solche kennen.
Mann: Ja nun einige niedere Ränge haben schwere Stunden durchgemacht, vorsichtig ausgedrückt, aber sie haben Glück, vor kurzen ist einer aus der Provinz hergekommen, er wird sich bestimmt mit Vergnügen für ihre Dokumentation zur Verfügung stellen, Yves Lacorre ist sehr hilfsbereit.
Burma: Yves Lacorre, Yves Lacorre, im Archiv des Crepuscule las ich den Fall des verschwundenen Geldboten nach, das Geheimnis des pont tolbiac, so bliesen die Journalisten den Fall damals auf, dann machte ich mich nochmal auf zur Heilsarmee, Lacorre war da gewesen, aber mit einem Besucher wieder weggegangen, sagte mir das Engelsgesicht von vorhin, ich lief wieder durch die lausigen Straßen des verlotterten Viertels, ein Wind blies durch die skelettartigen Bäume im Vorgarten der Entbindungsklinik, nicht gerade angenehm bei dieser düsteren Musik, was suchte ich eigentlich, Belita, Belita, cherie, siehst du wie du mir bei meiner Suche nach Lenantais Mörder behilflich bist, jetzt hab ich ihn, wieder ein Windstoß, sowas wie ein kleines Rad kam auf mich zugerollt, eine Uniformmütze der Heilsarmee, halleluja ich ging zurück, plustete mich nochmal auf, und bekam prompt Lacorres Sachen zu sehen, unter anderem einen Umschlag mit der Aufschrift für den Bezirkskommissar.
Lacorre: Kommissar, ich heiße Yves Lacorre, vor zwanzig Jahren habe ich mit zwei Komplizen die ich von den Anarchisten kannte, Camille Bernis und Jean genannt der Aufständische den Geldboten der Kühlbetriebe Monsieur Daniel in einen Hinterhalt gelockt, wir haben ihn im Keller seines eigenen Hauses vergraben, Bernis und Jean haben mich hintergangen, ich werde ihnen den Hals umdrehen oder sie mir, im zweiten Fall werden sie Kommissar diesen Brief lesen und dem Gesetz genüge tun, PS, um Lenantais brauchen sie nicht mehr zu kümmern, ich habe ihn zufällig wieder getroffen, er verkaufte alte Möbel und nannte sich Benoit, ich wollte von ihm wissen, wo ich Bernis und Jean finden kann, wir haben uns gestritten und ich habe ihn niedergestochen, damit habe ich der Gesellschaft einen Dienst erwiesen, denn er war ein Dogmatiker, also sehr viel gefährlicher als gewisse andere.
Burma: Ich faltete den Brief und wollte ihn in die Tasche stecken.
Mann: Das bekommt die polizei Monsieur.
Burma: Und dann stand ich auf der Straße, in der rue bruneseau, ich wußte selber nicht wie ich dahingekommen war, was ich da wollte, aber dann sprang ich über die Gartenmauer, ging die Kellertreppe hinunter, knackte das Vorhängeschloß, und riß ein Streichholz an, ob unter dem Boden tatsächlich eine Leiche lag konnte ich nicht sagen, darauf lag eine, in Heilsarmeeuniform, erschossen, Lacorre.
Covet: Es war eine verdammt lange Dienstreise, und jetzt eine Story aber fix, also hast du Lacorre gefunden.
Burma: Ja kannst dir anschauen, in einer dreckigen Baracke in der rue bruneseau, im Keller eingegraben liegt ein Geldbote seit 20 Jahren, darauf ruht Lacorre, erschossen, nettes Bild, exlusiv für dich.
Covet: Wer wars.
Burma: Baurenot oder Delong oder beide, ich dachte an Lenantais, er hatte Lacorre nicht verraten, wo er die beiden finden konnte, hätte er es getan, würde er noch leben, er war abgestochen worden für zwei abtrünnige Exgenossen, die ihn belogen und betrogen hatten.
Covet: Willst du immer noch den Willen von Lenantais erfüllen, willst du immer noch den Freunden helfen.
Burma: Baurenot traf ich am Austerlitz, reden wir, aber nicht so nah am Wasser.
Baurenot: Was willst du, ist ja alles bloß deine Schuld.
Burma: Was, der Mord an Lacorre.
Baurenot: Du weißt also bescheid du Schwein.
Burma: So ungefähr.
Baurenot: Delong hat den Kopf verloren.
Burma: Das finde ich überhaupt nicht, immerhin hat er geahnt, wo man einen ehemaligen Banjosträfling finden kann, wußte auch wo sich Lenantais rumgetrieben hatte, wo er überfallen wurde.
Baurenot: Da kann er ziemlich intelligent sein, schluß mit den gequatsche, wo sind die flics, du hast sie doch mitgebracht.
Burma: Sollen gleich hier sein, Lacorre hat es hinterlassen, ich bin gekommen um dir ne Chance zu geben, deine letzte, verschwinde, bei dir sowieso alles im Arsch.
Burma: Die flics machten den Rest und schnappten sich die beiden wohlanständigen Stützen der Gesellschaft, aber ich war noch nicht fertig mit dem 13. Arrondissement, ich machte mich auf die Suche nach Belita, wieder ging ich durch die Straßen die Belita und mich zusammen gesehen hatten, und eines nachmittags als ich mich in der Nähe des pont de tolbiac herumtrieb sah ich sie, sie kam direkt auf mich zu, es war ihr federnder Gang, der rote Rock, der gelbe Gürtel, die wiegende Hüften, die ungebändigte schwarze Haarpracht, die stolze Brust, sie lief auf mich zu, sank mir in die Arme, klammerte sich an mich, ich küßte sie, ihre Augen verloren ihren Glanz, mit einer Hand steichelte ich ihr über den Rücken, ich schaute über ihre Schultern hin weg, mitten auf der rue illustrela stand Salvador, die Hände in den Taschen seiner Jacke, er lachte.
Christian Brückner Nestor Burma
Sabine Postel Hélène, seine Sekretärin
Dieter Eppler Kommissar Florimond Faroux
Jürgen Andreas Inspektor Fabre
Manuela Romberg Bélita
Andreas Mannkopff Marc Covet
Karl Michael Vogler Baurénot, Ex-Anarchist
Joachim Bartels
Manfred Boehm
Ernst Konarek
Wolfgang Reinsch
Margarete Salbach
Willi Schneider
Andreas Szerda
Iris Werlin
Bearbeitung (Wort): Klaus Schmitz
Regie: Bernd Lau
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Kommentar von Jonas |
Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Abgesang
Jonas: Sie war jünger als ich. Um die 40. Dunkles Haar. Dunkle Augen. Eine wohlgefällige Figur in einem dieser Outfits, die nach nichts aussehen und mehr kosten, als ein Detektiv im Monat verdient. In meinem schäbigen Büroapartment wirkte sie wie ein Kirschblütenzweig in einer alten Bierflasche.
Judith 2: Mein Name ist Judith.
Jonas: Judith?
Judith 2: Sie sehen mich an, als ob Sie mich kennen. Kenne ich Sie?
Jonas: Sie hieß Judith, und so sah sie auch aus. Was war das? Eine Halluzination?
Sam: Dejavu, Monsignore.
Jonas: Deschawas?
Sam: Ach vergiß es.
Jonas: Dabei hatte er so mies angefangen, dieser 1. Mai 2017. Der Geburtstag eines gewissen Detektivs. Ich war früh geweckt worden. Im Prinzip keine schlechte Sache, weil ich böse geträumt hatte. Ich war draußen, in PH 1, kroch durch Röhren, stand auf dem blutigen Dach, 600 m hoch, saß in einer überfüllten Kneipe, versoff meine Gutscheine. Ein Proll unter vielen. Das Leben war vorbei. Erinnerung. Oder Zukunftsvision? Gestern hatte das Amt für freie Berufe mich erinnert, daß ich nur noch zwei Monate Zeit hatte, einige tausend Euro zu verdienen, ansonsten drohte Ausweisung aus Babylon, in die Prekariats-Heimstatt. Das war kein Albtraum.
Sam: Happy birthday, lieber Jonas, happy birthday to you.
Jonas: Du mich auch, Sammy.
Sam: 50 Jahre sind es wert, daß man ihn besonders ehrt. Er lebe hoch, höher, am höchsten.
Jonas: 50. Auch das noch. Ist doch kein Alter für einen Detektiv. 30 OK, 40 geht noch. Fit und erfahren, eingedellt, Narben an Körper und Seele, oder 70 von mir aus, keine Exen mehr, dafür Kopfarbeit auf dem Sofa. Altersweise. Aber 50?
Sam: Hörst du das Fon, welch lieblicher Ton, ein Glückwunsch.
Jonas: Es war kein Glückwunsch, es war die Kündigung. Mein Viertel wurde saniert, mein Haus abgerissen. In einem Monat mußte ich raus aus meinem Büroapartment. Das Casablanca war schon seit Wochen geschlossen.
Sam: Und nun gerade: Happy Birthday!
Jonas: Halt die Backen, Sammy. Nachrichten.
Sam: Jawohl. Euer Wunsch o Herr sei mir Befehl.
Nachrichtensprecher: Im Sicherheitsrat der UN. Bekanntlich beansprucht China jedes chinesische Restaurant, wo immer es sich befindet, als Hoheitsgebiet, inklusive einer...
Jonas: Weiter.
Nachrichtensprecher: Unruhen in PH 1, die durch energisches Eingreifen der Grenztruppen beendet wurden. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten ist nicht bekannt. Wie...
Jonas: Weiter.
Nachrichtensprecher: Hat sich trotz Bemühungen der Aktion Lebensabend die Zahl hilfsbedürftiger Senioren weiter alarmierend erhöht. Und nun zum Wetter. Babylon registriert heute den 209. Regentag in Folge. Damit sind wir vom Rekord des Jahres 2014 nur noch 20 Tage...
Jonas: Na wunderbar. Dauerregen. 50. Geburtstag. Kündigung. PH 1. Graue Gegenwart. Schwarze Zukunft. Jonas steckte voll drin, im Babylon Blues. Aber dann kam sie. Judith. Nicht meine Judith. Nicht Judith Delgado. Natürlich nicht. Judith Delgado war seit 5 Jahren tot. Aber sie hieß Judith. Und sie sah aus wie Judith Delgado. Es war doch nicht alles mies, dachte ich. Doch dann sagte sie mir, wohin sie mich schicken wollte.
Judith 2: Ins Niemandsland.
Jonas: Will ich nicht. Mach ich nicht.
Judith 2: Sie müssen, Herr Jonas. Es geht um Nicolas, meinen Mann. Nicolas Toulemonde, Vizebischof der apostolischen Kirche.
Sam: Vize was?
Judith 2: Das ist sein Beruf.
Jonas: Halt den Rand, Sam. Hochanständiger Job.
Judith 2: Gewiß, aber auch, wie soll ich mich ausdrücken, vorhersehbar. Langweilig. Und darum unternimmt Nicolas zum Ausgleich Abenteuerreisen.
Jonas: Ins Niemandsland.
Judith 2: Vor einer Woche ist er aufgebrochen.
Jonas: Ohne Sie?
Judith 2: Er fährt immer allein. Ich mache mir nichts aus Strapazen, aus Hunger und Durst und Blasen an den Füßen.
Jonas: Sehr vernünftig. Ihr Mann ist also ins Niemandsland aufgebrochen, wann genau.
Judith 2: Am 24. April. Morgens. Am Abend hat er sich kurz gemeldet über Satellitenfon. Gut angekommen, alles in Ordnung.
Jonas: Angekommen, wo?
Judith 2: In Besalam. Zwischen Wildnis und Niemandsland, wo die Abenteuerkarawanen starten.
Jonas: So. Und dann?
Judith 2: Nichts mehr. Kein Anruf, keine Nachricht. Bis gestern.
Jonas: Haben Sie nicht versucht, ihn anzurufen.
Judith 2: Ja natürlich, immer wieder hab ich's versucht, aber ich hab nicht mal seine Mailbox erreicht. Ja, und dann kam gestern nachmittag dieser Anruf.
Jonas: Von ihrem Mann.
Judith 2: Von seinem Fon. Aber es war nicht Nicolas. Ein Fremder. Mit Drittweltakzent. Er gehört zu den Freiheitskämpfern des Orients. Hat er gesagt.
Jonas: Freiheitskämpfer des Orients. Nie gehört.
Judith 2: Ich habe das Gespräch selbstverständlich aufgenommen.
Kidnapper: Wir Freiheitskämpfer haben gefangen Bischof Toulemonde, wenn wir nicht bekommen drei Millionen Euro in Diamanten als Spende für Freiheitskampf wir werden töten Bischof Toulemonde.
Judith 2: Drei Millionen. Wann und wie soll ich...
Kidnapper: Planquadrat SW 170-2. Dort in Wüste großer roter Felsen, sieht aus wie Kamel. An diese Felsen wir warten Spende bis 4. Mai abend. Wenn Sonne untergeht und Diamante nicht da, wir werden zerschneiden Bischof und verteilen in Wüste. Verstanden.
Judith 2: Ja, aber...
Judith 2: Aufgelegt. Ich war geschockt, das werden sie verstehen, Herr Jonas.
Jonas: Sehr erschüttert schien sie allerdings nicht zu sein. Aber vielleicht war das Charakterstärke und Beherrschung. Alle Judiths sind starke Frauen.
Judith 2: Als ich mich ein bißchen beruhigt hatte, rief ich die Firma an, die Nicolas Reise organisiert hat.
Jonas: Name?
Judith 2: Extrem. Der ultimative Kick.
Jonas: Adresse?
Judith 2: Markgrafenboulevard 727.
Jonas: Was haben Sie erfahren.
Judith 2: Nichts. Der zuständige Sachbearbeiter hatte keine Ahnung. Er wollte sich schlau machen und mich dann zurückrufen.
Jonas: Hat er?
Judith 2: Bis jetzt nicht. Dann dachte ich an die Polizei.
Sam: Ha, die Bullen? Kannst du vergessen, Schwester.
Jonas: Aber ab und zu hat er recht. Draußen im Niemandsland ist die babylonische Polizei machtlos.
Judith 2: Das hat mir Chefinspektor Brock auch gesagt.
Jonas: Sieh an, wir kennen Brock, was Sammy?
Sam: Ja, gewiß doch euer Gnaden. Hat der gute Chefinspektor nicht des öfteren in unseren Fällen figuriert, hmh?
Judith 2: Brock hat mir geraten, mich an Sie zu wenden, Herr Jonas, Sie könnten das Lösegeld überbringen, sie kennen das Niemandsland, hat er gesagt, sie waren schon mehrmals da.
Jonas: Dreimal. Und ich habe keine schönen Erinnerungen an die Trips. Beim letzten Mal war's am schlimmsten.
Sam: Fall Invasion, o Grödaz.
Jonas: Grödaz?
Sam: Ja, Grödaz. Größter Detektiv aller Zeiten. Dummie. Juni 2015.
Jonas: Das reicht mir. Noch mal muß ich da nicht hin.
Judith 2: O doch Sie müssen, Herr Jonas, weil ich Sie darum bitte. Außerdem zahle ich. 5 Prozent vom Lösegeld.
Sam: Fünf Prozent... sind 15.000 Euro.
Jonas: 150.000 du Dödel.
Sam: Siehst du, ein erkleckliches Sümmchen, Herr Rechnungsrat. Statuserhaltend gewissermaßen. Umzugsverhindernd.
Judith 2: Was meint er?
Jonas: Ah, nicht so wichtig.
Sam: Importane.
Judith 2: Brock hat noch mehr gesagt, Herr Jonas. Sie sind ein anständiger Mensch, und für den Job ist keiner so geeignet wie sie.
Sam: Ja das stimmt, ja ja ja.
Jonas: Mußte Jonas wirklich nochmals ins Niemandsland. Nur weil seine Auftraggeberin Judith hieß und aussah wie Judith Delgado, die erste und einzige Liebe eines älteren Detektivs. Vielleicht.
Jonas: Ich werde darüber nachdenken und sie anrufen, heute noch, nachdem wir ein paar Nachforschungen angestellt haben. Sammy und ich.
Judith 2: Danke, Herr Jonas.
Sam: Ja, denn wie spricht der weise Bosequo? Vorsicht ist der weibliche Elternteil des Keramikbehälters.
Jonas: Oder so ähnlich. Judith ging, und Jonas scheuchte Sam durch alle Datenbanken, zugängliche und weniger zugängliche. Ergebnis:
Sam: Sie ist echt, unsere JuTou.
Jonas: Wer?
Sam: JuTou. Kurz und prägnant für Judith Toulemonde, oder auch Judith zwo.
Jonas: Es gibt sie also wirklich.
Sam: Ja, die Dame ist astrein, Herr Oberförster, wie auch ihr Ehegespons, Nicolas Toulemonde, Vize der apostolischen Kirche, hochangesehene Bürger Babylons beide und betucht, ja, Haus im Golden Ghetto, höchster Sozialstatus.
Jonas: Schön für sie. Es wurde Zeit für einen Ausflug zum noblen Markgrafenboulevard, wo eine ganze Etage in einem noblen Hochhaus von der Firma Extrem belegt war. Ein gertenschlanker türkisgelockter Jüngling ließ sich herab, Jonas zu empfangen. Nösel hieß er. So stand es auf dem Schild an seinem lavendelfarbenen Armanijäckchen. Er musterte mich wie ein Angler einen alten Stiefel, der sich an seinen Haken verirrt hatte.
Nösel: Sie wollen doch wohl keine Reise bei uns buchen Herr äh... In diesem Falle gestatten sie mir den gutgemeinten Hinweis, daß die dafür erforderlichen Mittel weit über ihren Möglichkeiten liegen dürften. Wenn ich sonst noch was für sie tun kann.
Jonas: Sie können.
Nösel: Ach wirklich?
Sam: Wetten, der Typ heißt mit Vornamen Schorsch, oder Scholastikus.
Nösel: Wie meinen.
Sam: Nösel äh Schnösel. Paßt wie der Pickel auf den Arsch.
Nösel: Ich muß doch sehr bitten.
Sam: Ja dann bitten sie mal.
Jonas: Entschuldigen Sie meinen Computer, Herr äh Nösel, er ist ein wenig ungehobelt, wie sein Herr. Soll ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin ein exzentrischer Milliardär, wenn man mich ärgert, werde ich grob, sehr grob, saugrob, und dann könnte ich Ihnen zum Beispiel äh einige Knöchlein in ihrem eleganten Leib zerschlagen. Strafe und Schadenersatz zahle ich aus der Westentasche.
Jonas: Er wußte nicht, ob er mir glauben sollte. Aber als vorsichtiger Mensch tat er es. Und war bereit meine Fragen zu beantworten. Ja, Vizebischof Toulemonde hatte bei Extrem eine Reise gebucht, in den besonders wilden südöstlichen Zipfel des Niemandslands, nicht weit von der Mauer. Nein, er wußte nicht, was mit dem Kunden geschehen war, auch der von Extrem gestellte Reiseleiter war verschwunden. Ja, er hatte von Frau Toulemonde erfahren, daß eine Gruppe namens Freiheitskämpfer des Orients behauptete, den Vizebischof entführt zu haben.
Nösel: Im Übrigen muß ich Sie, wie bereits auch Frau Toulemonde nachdrücklich darauf hinweisen, Herr äh, daß eine wie auch immer geartete Haftung der Firma Extrem für die Folgen unvorhergesehener unglücklicher Zwischenfälle auf den von uns vermittelten Abenteuerreisen laut Vertrag völlig ausgeschlossen ist. Dieser Ausschluß gilt selbstverständlich auch für etwaige Entführungen und vergleichbare Mißgeschicke.
Jonas: Freiheitskämpfer des Orients, kennen Sie diese Gruppe, ist sie bei früheren Extrem-Reisen schon mal in Erscheinung getreten?
Nösel: Noch nie, Herr äh... wir kennen andere Organisationen, die Taliban, die Waffen-SS, die goldene Horde etc. die in der gleichen Branche tätig zu werden pflegen.
Jonas. Entführung und Erpressung von Lösegeld.
Nösel: Äh, ja. Dies zu verhindern zahlt Extrem besagten Gruppierungen gewisse Anerkennungshonorare.
Jonas: Schutzgelder meinen Sie.
Nösel: Wenn sie es so ausdrücken wollen, Herr äh.
Jonas: Und die rote Armee, ist die nicht auch im Niemandsland aktiv?
Nösel: Nicht mehr, Herr äh... Soweit uns bekannt ist, hat sich die rote Armee vor einem Jahr weit in den Norden, in die wilde Tundra zurückgezogen.
Jonas: Das war beruhigend. Denn die rote Armee, und speziell ihr Häuptling Generalissimus Stalin hatten mit Jonas noch ein Hühnchen zu rupfen. Das mußte nicht sein. Zu Hause rief ich Chefinspektor Brock an, um ihm ein paar Fragen zu stellen, aber das war nicht mehr möglich.
Frauenstimme: Chefinspektor Brock wurde ein Opfer des unermüdlichen Einsatzes der Sicherheitsbehörden für die Bürger Babylons. Bei einer Routine-Razzia heute Nacht im Reservat ist er aus dem Helikopter gestürzt und an den Folgen des Sturzes verstorben.
Jonas: Auch das noch. Meine Wohnung war gekündigt. Ich hatte kein Geld und keinen Sozialstatus, das Casablanca war zu. Dauerregen, 50. Geburtstag, und jetzt hatte Brock den Löffel abgegeben. Mein bester Feind. Mein einziger Freund. Wieder legte sich der Babylon-Blues über Jonas, so laut und so intensiv, als ob mir jemand Babylon unbedingt vermiesen wollte. Wie auch immer, Babylon war mir vermiest. Ich wollte raus, von mir aus sogar ins Niemandsland. Ich rief Judith an, und sagte ihr, ich würde ihren Auftrag annehmen.
Judith 2: Herr Jonas, ich bin hocherfreut.
Jonas: Den Herrn lassen Sie weg. Einfach Jonas, nur Jonas. Haben Sie das geforderte Lösegeld?
Judith 2: Kein Problem. 3 Millionen Euro in Diamanten liegen bereit.
Jonas: Dann bringe ich die Klunker für sie ins Niemandsland.
Judith 2: Nicht für mich, Jonas, mit mir. Ich komme mit.
Jonas: Haben Sie sich das gut überlegt, Judith, es wird gefährlich werden, strapaziös, vielleicht holen Sie sich sogar Blasen an den Füßen.
Judith 2: Ich bestehe darauf. Wann reisen wir ab?
Jonas: Sobald wie möglich, und das war sehr bald. Geld spielte keine Rolle. Noch am Abend flogen wir nach Bezalam. Von da ging's am nächsten Morgen weiter auf der Erde, aber nicht zu Fuß, wir mieteten den besten Wüstentruck, der zu haben war, Kettenfahrwerk, stabile Panzerung, großer Benzinvorrat in Zusatztanks, genügend Platz für alles, was der Mensch so braucht, wenn er vorhat, tagelang durch die Wüste zu ziehen. In diesem Fall zwei Menschen. Jonas fuhr. Judith saß neben mir, sehr schön anzusehen, in ihrem Safari-Overall von Dolce & Gabana. Gelbe und rote Wüstenfarben. Das Niemandsland war so, wie ich es in Erinnerung hatte, ziemlich tot, orange und grau, dazwischen Farbtupfer, schwarz, rot, giftgrün, Ruinen, Reste, Rost, geschmolzener Sand, Felsen. Tagsüber war es heiß, und nachts kalt, so kalt, daß Judith fror und zu mir in den Schlafsack kroch. Zweiter Reisetag, 3. Mai, wir erreichten Planquadrat SW170-2. Die Strahlen der untergehenden Sonne beschienen ein seltsames Gebilde am Horizont. Einen riesigen roten Felsen, der aussah wie ein liegendes Kamel, ein länglicher Kopf auf einem ebensolchen Hals. Dann ein großer runder Höker.
Sam: Ein Höker? In diesem Falle, hochgeschätzte Kommilitonen, handelt es sich keinesfalls um ein Kamel oder auch Trampeltier, der Wissenschaft bekannt als camelus bacterianus, vielmehr um ein Dromedar, camelius dromedarius.
Judith 2: Danke für die Vorlesung, Prof. Sam.
Sam: O gern geschehen Gnädigste.
Jonas: Ich glaube kaum, daß die sog. Freiheitskämpfer auf zoologische Finessen Wert legen. Dromedar oder Kamel, dieser Felsen ist unser Ziel.
Judith 2: Wir sind also angekommen.
Sam: Hurra!
Jonas: Noch nicht ganz, gleich wird's dunkel, wir sollten hier lagern und morgen früh weiterfahren, bei Helligkeit, damit wir sehen können, wer oder was uns erwartet.
Judith 2: Einverstanden. Halt an Jonas.
Jonas: In einer Höhle schlugen wir unser Lager auf. Nach dem Essen holte Judith eine Flasche aus ihrem Gepäck. Echt Whisky. Scotch. Old Forrester. Jonas Lieblingswhisky. Wenn er ihn kriegt, was selten genug vorkommt. Wir stießen an.
Judith 2: Auf Kamele.
Sam: Und Dromedare.
Judith 2: Auf Jonas.
Jonas: Auf Judith.
Sam: Auf Sam.
Judith 2: Auf den Erfolg unsere Mission.
Jonas: Auf den Erfolg. Der gefährlichste Teil kommt aber erst. Morgen.
Judith 2: Du hast ja so recht, Jonas, und du hast nicht die mindeste Ahnung, wie recht du hast. Trink aus.
Jonas: Ich wachte auf. Die ersten Sonnenstrahlen fielen in die Höhle. Das Feuer war ausgegangen. Mein Kopf tat weh. Mir war kalt. Kein Schlafsack. Ich kam auf die Beine, mühsam, und humpelte nach draußen. Keine Judith. Kein Wüstentruck. Kein Laserstrahler am Gürtel, und vor allem kein Sam, nicht in meiner Tasche, nicht auf dem Boden. Was war passiert? Ich sah mich um. Nur Niemandsland bis zum Horizont. Keine Bewegung. Kein Mensch. Kein Fahrzeug. Dann sah ich doch was, Kettenspuren vom Truck. Sie führten nach Osten, Richtung Kamelfelsen. Im grobkörnigen Sand gut zu erkennen. Ich ging ihnen nach. Die Spuren führten in einen Canyon. Ich folgte ihnen. Langsam. Es wurde enger. Die steilen Wänden rückten näher zusammen. Vor mir eine Kurve. Ich ging noch langsamer und spähte vorsichtig um die Ecke.
Stalin: Bada. Generalissimus Stalin. Du überrascht, Arschloch, häh?
Jonas: Ich überrascht. Hinter der Kurve wurde der Canyon weiter. Überall Menschen, vor mir, hinter mir, über mir, zottige zerlumpte Gestalten, bewaffnet mit Keulen und Macheten. Nomaden. Hunderte, ein ganzer Stamm, Flüchtlinge aus der Drittwelt. Freaks, Mutanten, die rote Armee. So nannten sie sich. In der Menge stand unser Truck, und daneben noch ein Gefährt, eine Art gigantischer Bollerwagen, aus Holz und Metall, eine Plattform auf 6 gewaltigen Rädern. Darauf ein Blockhaus, eine Pauke mit Pauker, ein rotlackierter Thron, und auf dem Thron ein alter Bekannter.
Stalin: Du nicht gedacht Wiedersehen Generalissimus Stalin, hä? Arschloch Jonas.
Jonas: Eine unerwartete Freude, weiß Gott. Hast du dir ein neues Fahrzeug zugelegt, alter Gauner, was ist mit dem T54.
Stalin: Äh, Problem mit Tank. Immer Problem. Kein Diesel. Darum Tank verkauft.
Jonas: An wen? Wer ist denn noch blöder als ihr?
Stalin: An Stamm in Zewa, Norden. Alslutscher, Trankstinker, behandelt T54 als Gott. Nun, wir haben gebaut neue Auto.
Jonas: Ein Prachtstück. Und wie geht's selbst, Generalissimus.
Stalin: Spazibo. Wunderbar. Täubchen. Vetterchen. Hab ich doch endlich Arschloch.
Jonas: In den zwei Jahren hatte Stalin sich kaum verändert. Er sah immer noch aus wie ein sibirischer Dorfschullehrer. Schmal, weißhaarig, Drahtbrille, grüne Schirmmütze, Russenbluse, vollgesteckt mit bunten Abzeichen und Medaillen. Zerschlissene Reithose, Stiefel, und im Kopf noch klar. Er hatte nicht vergessen, daß Jonas ihn damals reingelegt hatte.
Stalin: Was wir mit dir machen, Arschloch, hä? Eingraben in Sand, alle Rotarmisten auf dich pissen, bist du tot. Dich kochen in Kessel ganz, ganz langsam und dann dich essen.
Judith 2: Ihre Wiedersehensfreude, verehrter Generalissimus, sollten sie ein wenig später Ausdruck verleihen, vorher hab ich noch mit Jonas einiges zu klären.
Stalin: Karacho.
Jonas: Judith. Sie stand auf der Plattform, direkt neben Stalins Thron. Wie eine Gefangene sah sie nicht aus. Während die Nomaden Jonas griffen und festhielten, stieg sie herunter, kam näher, und stellte sich vor mich.
Judith 2: Weißt du Jonas, die Sache war ein wenig anders geplant, aber Stalin wollte nicht warten, er ist vorgeprescht, weil er dich unbedingt allein in die Finger kriegen und nicht mit andern teilen wollte. Im Grunde kein Problem, soll Stalin dich eliminieren, meinen Auftraggebern wird das auch so recht sein.
Jonas: Deinen Auftraggebern?
Judith 2: Ahnungslos wie er noch immer ist. Richtig süß. Ich werde dir eine Geschichte erzählen, Jonas, so viel Zeit muß sein. Immerhin hast du mit mir den Schlafsack geteilt, das verdient Belohnung. Also setz dich und hör zu. Es war vor mehr als einem viertel Jahr, im Januar, da trafen sich im Club Caligari zu Babylon fünf Personen, die vieles verband, hohe Position, Macht, Reichtum. Vor allem aber der Hass auf einen Detektiv, der im Lauf der Jahre immer wieder ihre Pläne durchkreuzt hatte.
Plotz: Ich bitte um Ruhe. Die konstituierende Sitzung des Sonderkomitees Aktion Jonas ist eröffnet. Anwesend sind:
Paretzky: Dr. Sandra Paretzky, Bürgermeisterin von Babylon.
Waldorf: Astoria Waldorf, Vorstandsvorsitzende der Firma Multipharm, Leiterin der babylonischen Industrie- und Handelskammer.
Frank: Generalmajor Frank, Oberkommandierender der Geheimdienste und der Sicherheitskräfte.
Kasbek: Kasbek von der Korporation.
Plotz: Als Vertreter der sogenannten Unterwelt.
Kasbek: Bitte. Der organisierten Extralegalität.
Plotz: Wie Sie wollen. Anna Plotz. BIO Global. Wir alle haben schwerwiegende Gründe gegen Jonas, den sogenannten letzten Detektiv vorzugehen.
Paretzy: Er ist ein Störenfried.
Frank: Ein Krebsgeschwür.
Kasbek: Eine Pestbeule.
Waldorf: Und nicht zu vergessen ein Kostenfaktor.
Plotz: Schon früher haben einzelne von uns versucht, Jonas auszuschalten, ohne Erfolg, jetzt tun wir uns zusammen, das Maß ist voll, erst vor wenigen Tagen hat Jonas eine von langer Hand vorbereitete bevölkerungspolitische Aktion des Club Caligari in PH 1 verhindert, daher ist dieses Komitee zusammengetreten, dessen Vorsitz ich übernommen habe. Denn so großen Schaden Jonas Ihnen allen zugefügt haben mag, ich Anna Plotz, sitze durch seine Schuld gelähmt im Rollstuhl und habe darum das größte Recht auf Rache.
Alle: Jonas muß weg!
Plotz: Jawohl, Jonas muß weg, Jonas muß verschwinden, Jonas muß sterben. Um dieses Ziel zu erreichen, bündeln wir unsere Ressourcen, wir sind bereit, finanzielle Opfer zu bringen, in unbegrenzter Höhe. Wir werden alle psychologischen und kreativen Produktiv-Kräfte, die uns zur Verfügung stehen, gegen Jonas einsetzen, sie sollen Szenarien entwerfen, die zum erfolgreichen Abschluß führen.
Frank: Abschuß.
Plotz: Sehr witzig. Jonas muß verschwinden, darin sind wir uns einig. Die Frage ist wie.
Judith 2: Es wurde diskutiert und debattiert, delegiert und konsultiert, und bald begannen sich Leitlinien und Konturen abzuzeichnen.
Kasbek: Also keine Falle, kein maskierter Killer im Hinterhalt, keine schnelle Kugel in den Rücken?
Waldorf: Nein nein nein, Jonas ist ein besonderer Gegner, und verdient einen besonderen Abgang, eine große Oper, wenn Sie so wollen, kein mickriges Tralala.
Frank: Eine elaborierte Elimination ist doch viel befriedigender, viel interessanter.
Kasbek: Macht mehr Spaß, meinen Sie, General.
Paretzky: Wie dem auch sei, die äh, Elimination sollte keinesfalls in Babylon stattfinden, hier hat Jonas ein Heimspiel, er kennt sich aus, hat überall Freunde.
Plotz: Wir müssen ihn weglocken, so weit weg wie möglich.
Judith 2: Also ins Niemandsland, wo es am wildesten ist, hier, ein paar Kilometer entfernt, wartet ein Sonderkommando auf dich, Jonas. Killer der Korporation, Spezialisten vom Geheimdienst, ausgesuchte Sicherheitsexperten aus Großkonzernen, dazu als Sahnehäubchen gewissermaßen der eigens für dich aus dem hohen Norden angeforderte Generalissimus Stalin mit seiner Roten Armee.
Stalin: Dada. Wir hören, wir kommen, wir fangen Arschloch Jonas, wir machen tot Arschloch Jonas.
Judith 2: Geduld, Generalissimus, bald kriegen sie ihn und können mit ihm machen, was sie wollen, meine Geschichte ist gleich zu Ende. Über das Problem, wie Jonas ins ferne Niemandsland zu locken sei, zerbrachen sich diverse Experten, Kreative, Psychologen, Motivationsforscher, die gutbezahlten Köpfe. Schließlich schlugen sie zwei sich ergänzende Szenarien vor.
Plotz: Erstens, Jonas wird psychischem Druck ausgesetzt, er wird.
Waldorf: Weichgekocht.
Plotz: In eine praktisch ausweglose Situation gebracht, sein Umfeld bricht zusammen, er verliert die Wohnung, den Sozialstatus, das Stammlokal, den Freund.
Paretzky: Außerdem wird er 50, am 1. Mai, das dürfte ihn zusätzlich deprimieren.
Plotz: Zweifellos. Zweitens, Frau Delgado, Judith Delgado, hohe Beamtin in der Sicherheitsverwaltung, 2012 verstorben.
Waldorf: Jonas große Liebe.
Frank: Ja, die Frau seines Lebens.
Kasbek: Auf den Knopf müssen wir drücken.
Plotz: Wir schaffen eine zweite Judith. Eine Schauspielerin, die der Delgado ähnelt. Den Rest macht Plastiface. Wir geben ihr reale und virtuelle Existenzen.
Paretzky: Um die Dateien kümmere ich mich.
Plotz: Diese Frau wird bei Jonas auftauchen, ihm was erzählen, er wird verwirrt sein, verliebt, womöglich, auf jeden Fall weniger argwöhnisch.
Judith 2: Wie's weitergeht, weißt du. Es war eine interessante Aufgabe. Und daß sie jetzt zu Ende geht, tut mit fast ein bißchen leid. Generalissimus, Jonas steht zu Ihrer Verfügung.
Stalin: Konetschko. Wirklich. Dawei!
Jonas: Judith stieg in den Truck, und startete. Bevor sie losfuhr, lehnte sie sich aus dem Seitenfenster. In der linken Hand hielt sie was hoch: Sam.
Judith 2: Leb wohl, Jonas, in der kurzen Zeit, die dir noch vergönnt ist. Sag deinem Herrn Tschüß, Sammy. Und auf Nimmerwiedersehen.
Sam: Nein, o harsche Trennung, grausames Geschick, Jonas, was wird aus ihm werden, ohne Sam, und was wird aus Sammy ohne seinen Jonas, sind wir getrennt für immer, nein das darf nicht sein...
Stalin: Dawei Dawei!
Jonas: Die Rotarmisten nahmen ihre Plätze ein, vorn an der Deichsel, an den Querstangen rechts und links. Jonas wurden die Hände gefesselt, dann band man ihm ein Seil um den Bauch, das andere Ende hielt Generalissimus Stalin höchstpersönlich fest.
Stalin: Wir haben gewartet auf dich, zwei Jahr, Arschloch, wir weiter warten, ein Tag, zwei Tag, dieser Platz nix gut. Nur Dawei. Kollegen. Dawei. Dawei! Jucha.
Jonas: Die Riesenräder begannen sich zu drehen, knarrend und quietschend setzte der Bollerwagen sich in Bewegung. Die Nomaden zogen und schoben aus Leibeskräften. Der Pauker paukte. Stalin hatte seinen Thron verlassen und sich hinten auf die Plattform gesetzt, um Jonas zuzusehen. Der bemühte sich Schrittzuhalten. Ab und zu zog Stalin kurz am Seil, dann schlug Jonas hin, und wenn er sich nicht schnell genug aufrappelte, wurde er über Sand und Steine geschleift, zum großen Vergnügen des Generalissimus. So verging der Tag.
Stalin: Halt! Stoi! Hier machen wir Lager. Ruh dich aus, Arschloch, freu dich, morgen machen wir dich tot, langsam, ganzen Tag. Wir haben Zeit, hahahaha.
Jonas: Nette Aussichten. Natürlich kriegte ich nichts zu essen. Den abgearbeiteten Rotarmisten ging's kaum besser. Stalin schlug sich den Bauch voll, und legte sich dann zur Ruhe, im Blockhaus. Auch die Nomaden schliefen. Sogar die Wächter, die auf Jonas aufpassen sollten. Jonas schlief nicht, er machte sich Sorgen, außerdem hatten sie mich auf jede Menge Steine gebettet, scharfe spitze Steine. Die Nacht verging langsam, sehr langsam, plötzlich hörte ich was, an meinem linken Ohr. Ein Flüstern, das mir vorkam wie die Trompeten der Kavallerie oder ein Chor von rettenden Engeln. Dabei war es nur einer.
Sam: Erwache, mein Jonas, denn siehe, hier bin ich.
Jonas: Sam!
Sam: Ja wer denn sonst du Trantüte. Entfleucht bin ich der falschen Schlange der armen Computerklauerin. Wie gut daß ich meine Rollen dabei hatte. Gerollt bin ich durch brennendheißen Wüstensand, trotzend allen Gefahren, allen Strapazen. Bis ich ihn erreicht habe, meinen Herrn und Meister, meinen Jonas, mein ein und alles.
Jonas: Machs halblang Sam.
Sam: Nichts halblang. Jauchzet und frohlocket. Hurra. Hurra. Sam der Computer ist wieder da. Ah. Freust du dich denn gar nicht.
Jonas: Doch Sammy.
Sam: Und nun, teurer Freund, wird alles alles gut.
Jonas: Na hoffentlich. Sehr weit mußte Sam übrigens nicht durch den Wüstensand rollen, Judith traute dem Generalissimus nicht und war ihm gefolgt, nur wenige Kilometer entfernt hatte sie ihr Lager aufgeschlagen, mit dem Sonderkommando des 5er Komitees, das sie unterwegs aufgesammelt hatte.
Sam: Sie wartet ab, die schnöde Verräterin, bis mein Jonas seinen letzten Atemzug getan. Wenn hier was dazwischenkommt, greift sie ein mit ihren Spezialisten, denn vernimm, o Sultan, sie weiß haarscharf was hier abgeht, hat sie doch vor ihrem Aufbruch am gestrigen Tag eine hochsensible Minikamera ausgesetzt, und diese, o du mein ahnungsloser Engel umschwirrt dich bei Tag und in der Nacht.
Jonas: Jetzt auch.
Sam: Na klar jetzt auch.
Jonas: Dann sieht sie, daß wir miteinander reden.
Sam: Sieht und hört. Und nicht nur sie. Auch die rachsüchtigen 5 zu Babylon sind mit der Minicam verbunden, auf daß sie die Unbilden und das Ende ihres Todfeindes so recht von Herzen genießen können.
Jonas: Kannst du die Minicam abschalten Sam.
Sam: A little bit, Sir. Hier und da, ab und zu. Mit Mühe. Denn wisset: Sam hat nicht mehr all zu viel Saft.
Jonas: Das war ein Problem. Wo sollte ich hier im tiefsten Niemandsland einen Akku finden, oder eine Steckdose. Darüber mußte ich nachdenken, später. Jetzt war nur eins wichtig: von hier zu verschwinden. Sam blockierte die Minicam, mit Ächzen und Stöhnen und leisem Protest. Jonas scheuerte derweil Handfesseln und Seil durch, an Sams scharfer Kante, was seinen Protest noch verstärkte, weil es angeblich kitzelte. Und dann ab in die Büsche, die es hier natürlich nicht gab. Der Tag brach an. Jonas trabte durch die Landschaft gefolgt von der Minicam. Ich konnte sie sehen, wie ein Kolibri flatterte sie über mir, immer außer Reichweite, sie stieg und sank und kreiste, auf der Suche nach dem interessantesten Winkel, dem scharfen Bild.
Sam: Hä, geht nicht mehr, Meister, Sam muß die Minicam loslassen, seine Kraft ist verpafft äh verpufft meine ich.
Jonas: Dann können sie uns sehen, orten und verfolgen. Wir müssen weg, Sammy, weiter, wohin?
Sam: Nur einen Ausweg gibt es, hoher Herr, nur eine Richtung steht dir offen, die Wege nach Nord, West und Süd sind versperrt, durch Judith und die Rote Armee.
Jonas: Also nach Osten. Dann mal los.
Sam: Gemach Chef, wenn's doch nur so einfach wäre. Im Osten erhebt sich die Grenzmauer, und dahinter, ah, tief im Herzen des Niemandslandes, dort wo noch niemals nicht kein wißbegieriger Fuß eines Babyloniers trat, hinter jener großen Mauer, auf welcher zu unserem Schutze die wackeren Grenztruppen stehen, auf nimmermüder Wacht, am Tag und in der Nacht, dort liebe Kinder erstreckt sich das erschreckliche tote Land.
Jonas: Das tote Land, ein Gebiet totaler radioaktiver Verseuchung. Seit vor einigen Jahren die östlichen Kernkraftwerke in Kettenreaktionen hochgingen. Während der sog. kleinen Atomkriege zwischen Indien und Pakistan, zwischen Iran und seinen Nachbarn. Gegen das tote Land war das Niemandsland eine städtische Parkanlage, sagte man. Lemuren und Monster sollte es dort geben. Aber niemand wußte genaues, niemand war je dagewesen.
Sam: Hä, so sieht's aus, euer Lordschaft, wollt ihr im Kessel gekocht bzw. im Sand verbuddelt und totgepullert werden, oder euch ins tote Land bewegen. Thats the question. Hörst du der Pauke tiefen Ton, die rote Armee, da ist sie schon. Auch Judith ist nicht mehr weit.
Jonas: Dann schon lieber das tote Land. Judith und Stalin überlebe ich ganz sicher nicht, das tote Land, wer weiß.
Sam: Jaja. Jaja. Mein Jonas ist ein Wandersmann, das steckt im so im Blut, drum wandert er so schnell er kann und schwenket seinen Hut, fallera...
Waldorf: Da rennt er durch den Sand.
Plotz: Schade, ich hatte mich schon gefreut, mir ausgemalt, was dieser Stalin mit Jonas anstellen würde, fantasievoller Bursche.
Frank: Eine Treibjagd ist doch auch ganz nett, Frau Plotz, und aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben.
Kasbek: An der Mauer werden sie Jonas stellen, da geht's nicht weiter.
Paretzky: Und dann kommen wir zu unserem Schauspiel, dauert nicht mehr lange. Cocktails, jemand?
Jonas: Jogging im heißen Niemandsland ist kein Vergnügen, besondern nicht wenn Sam dazu singt. Und eine nervige Minicam dir um den Kopf schwirrt, ganz zu schweigen von blutdürstigen Killern nicht weit hinter dir. Vergnügen oder nicht, Jonas trabte weiter, bis es nicht mehr ging, dafür sorgte die Mauer. Schwarz und dräuend, 30 m hoch und bewacht, nicht von wackeren Grenztruppen. An der Grenze zum toten Land sind Roboguards eingesetzt. Fehlerlos. Unbestechlich, sie schlafen nie und lassen nicht mit sich reden.
Roboguard: Halt, nicht weiter, das war die erste und letzte Warnung, der nächste Schuß trifft.
Jonas: Und da sind sie auch schon, Stalin und Judith. Was nun.
Sam: Spricht Zeus, die Götter sind besoffen.
Jonas: Red keinen Stuß, Sam, denk dir was aus.
Sam: Ist Sam ein Magier, wächst ihm ein Kornfeld auf der flachen Hand?
Karla: Jonas, hierher!
Jonas: Karla, meine Lieblingsterroristin, Chefin der babylonischen Stadtguerilla. In den vergangenen Jahren waren wir uns mehrmals über den Weg gelaufen, zuletzt Sylvester 2016. In der Wildnis. Wir hatten die Angewohnheit, uns zu helfen, was nicht hieß, daß ich ihr trauen konnte. Jetzt war sie hier, im Niemandsland, am Fuß der Mauer, sie steckte den Kopf aus einem Loch im Felsen, und winkte mir zu.
Karla: Komm her, Jonas. Beeil dich.
Jonas: Augenblick Karla. Sam?
Sam: Was steht zu Diensten?
Jonas: Die Minicam, kannst du sie noch mal blockieren?
Sam: Na, mal sehen, Kumpel, Leben ist schwer für 'nen kleinen Computer.
Jonas: Streng dich an, Sammy.
Sam: Was tu ich denn wohl, du Obergurke. Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, Minicam blockiert. Aber lang schaff ich's nicht.
Jonas: Jonas kroch durch das Loch im Felsen. Zu Karla. Dahinter war ein niedriger Gang, abgestützt durch Metallstreben, ein aufgegebenes Bergwerk, aus der alten Zeit, als hier Menschen lebten und arbeiteten. Karla ging voran und leuchtete, mit einer starken Taschenlampe. Gut für uns, aber auch gut für die Minicam. Sie war uns gefolgt, unter die Erde, wir konnten sie nicht abschütteln, nur blockieren. Was Sam immer schwerer fiel.
Jonas: Geht's noch Sammy.
Sam: Soso lala.
Jonas: Halt durch.
Sam: Ja, Sam tut was er kann. Sam gibt alles.
Karla: Stop. Hier beginnt ein Schacht, da müssen wir runter.
Jonas: Nur zu. Karla hatte alles bei sich, in ihrem Rucksack, Seile, Steigeisen, Wandhaken. Wir kletterten. Tiefer, immer tiefer, die Luft wurde schlecht, Sam stöhnte, dann war der Schacht zu Ende, und es ging waagerecht weiter, die Luft blieb schlecht. Zum Glück gab es hier keine Ratten, wie in der babylonischen Unterwelt. Wieder ein Schacht, diesmal nach oben, wieder klettern, Stunden um Stunden, so kam es mir vor, bis wir über uns Licht sahen. Ich zog mich hoch und war draußen. Die Minicam folgte, in vorsichtigem Abstand.
Sam: Ich kann nicht mehr. Sam muß aufgeben, kein Strom. Hast du mal ein Watt Mister.
Jonas: Woher nehmen Sammy. Karla, wo sind wir? Karla?
Sam: Weg. Verschwunden. Wie die Wurst im Spunde. Spinde. Terroristin. Mal da mal weg, einfach so. Denn unergründlich sind ihre Wege. Amen.
Frank: Ah, Bild und Ton sind wieder da.
Waldorf: Ziemlich unscharf, und wackelig.
Plotz: Die Radioaktivität, Jonas ist im toten Land.
Paretzky: Sieht so aus, irgendwie muß er über die Mauer gekommen sein.
Kasbek: Eher unten durch.
Plotz: Bis ins tote Land werden sie ihn nicht verfolgen, unsere Leute und Stalin.
Frank: Das können wir von ihnen auch nicht verlangen.
Paretzky: Heißt das, Jonas ist uns entwischt?
Kasbek: Kein Stück. Im toten Land wird er krepieren. Langsam und unschön.
Plotz: Und wir sind dabei. Wunderbar.
Jonas: Jonas stand auf einem schmalen Streifen Land, Felsen besser gesagt. Über ihm eine brennende rote Sonne, rechts die Mauer, die von hier noch bedrohlicher wirkte als vom Niemandsland. Auf der linken Seite ein riesiger See, bis zum Horizont. Gewaltige Öllachen schwammen auf dem trüben Wasser. Sie schimmerten in allen Regenbogenfarben. Ab und zu blubberten Blasen aus der Tiefe und zerplatzen an der Oberfläche, mit infernalischem Gestank. Nicht sehr einladend. Ich dachte an Fall Euromüll. Die Giftmülldeponie in Afrika. Aber ich dachte nicht lange, dazu war keine Zeit.
Sam: Man schießt, Genosse.
Jonas: Auf uns, Sammy, die Roboguards auf der Mauer.
Sam: Willst du warten, bis sie sich auf dich eingeschossen haben, Stupido.
Jonas: Nicht unbedingt, aber was.
Sam: Schiffahrt tut not, Herr Vizeadmiral. Unser Kuzunft, Zukunft liegt auf dem Wasser. Steche in See.
Jonas: Ungern Sammy.
Sam: Ja, fällt dir was besseres ein?
Jonas: Leider nicht.
Jonas: Am Ufer lagen verrottete Plastikteile, ich griff mir einen leeren Behälter, groß und rund wie ein Baumstamm, noch einigermaßen in Schuß, damit sprang ich in den See, ein leiser müder Platsch, Jonas strampelte mit den Beinen, und kam so schnell weg vom Ufer, auf daß die Roboguards eifrig ballerten. Sollten sie. Ich strampelte weiter und weiter, Stunden vergingen, vielleicht Tage, hinter mir verschwand die Mauer, vor mir erschienen Berge, in weiter Ferne. Plötzlich packte mich was am Bein, eine Hand, eine Flosse, ein Wesen mit Menschenaugen und einem Fischmaul voller scharfer Zähne tauchte aus der Brühe auf, es war nicht allein, das Wasser geriet in Bewegung, mehrere Fischmenschen schnappten nach Jonas, der schlug aus und schlug um sich, es waren zu viele. Sie hätten mich unter die Oberfläche gezerrt, aber es wurde flacher, die Fischmenschen blieben zurück. Ein Stoß, mein Behälter saß fest, in schwarzem Sand. Jonas watete an Land und stolperte weiter.
Waldorf: Können Sie was sehen, General.
Frank: Grau in Grau.
Plotz: Die Signale der Minicam werden immer schwächer.
Kasbek: Von Fischmenschen zerfleischt, das wär's doch gewesen.
Frank: Abwarten.
Paretzky: Da, wir haben wieder Bild.
Plotz: Aber keinen Ton.
Waldorf: Mein Gott, wo sind wir, wie sieht's denn da aus?
Jonas: Knallbunt giftgrün signalrot gallegelb der Boden bestand aus geschmolzenem Plastik, spitze Zacken scharfe Kanten, das Gehen war mühsam wohin ich ging wußte ich nicht, immer weiter nach Osten, immer tiefer ins tote Land, das mit jedem Schritt toter wurde. Ich blieb stehen. Am Weg ragte eine hohe Eisenstange auf. Verrostet und zerfressen. Darin hing die ausgestopfte Haut eines Menschen mit zwei Köpfen.
Sam: Zweifellos eine Warnung, Meister.
Jonas: Für mich?
Sam: Ja, und wer sonst noch vorbei kommt.
Jonas: Warnung. Wovor?
Sam: Weiß nicht. Spielen nicht mehr mit, die kleinen grauen Zellen. Sammy verblödet. Demenz. Alzheimer.
Jonas: Sam, du redest irre.
Sam: Sag ich ja. To... Total irre. Total Irrsinn. Sammy muß aufgetankt werden, dringend.
Jonas: Es geht nicht, Sammy. Versuch durchzuhalten.
Sam: Gib mir Strom, Meister, nur ein ganz kleines bißchen. Bitte.
Jonas: Noch einer mußte dringend aufgetankt werden. Seit Tagen hatte ich nichts in den Magen gekriegt. Ich merkte, wie ich immer schwächer wurde und immer schwerfälliger voranstolperte, bis ich weit vor mir was sah und sofort wieder zu Kräften kam.
Jonas: Da, Sammy, ein Haus. Da steht Ca-sa-blanca. Das Casablanca. Da gibt's Strom, Sammy und Synthwhisky und was zu essen. Gleich, Sammy, gleich sind wir da. Ohh, oh oh... Das Casablanca ist weg. Einfach weg.
Sam: Ja, schon mal was von Fata Morgana gehört. Glotzkopf. Vater Morgana. Mutter Morgana. Oma Opa Onkel Morgana. Ganze Familie Morgana.
Jonas: Jetzt drehst du endgültig durch, Sammy.
Sam: Na und. Keine Kraft. Kein Saft. Sam wird dahingerafft.
Jonas: Sammy.
Sam: Nein hilft alles nichts, Chef. Sammy muß sterben.
Jonas: Nein, Sammy, nein.
Sam: Ist noch so jung. So jung.
Jonas: Computer können nicht sterben.
Sam: Wetten daß doch. Leb wohl Meister.
Jonas: Sammy.
Sam: War schön mit dir, echt super. Vergiß Sammy nicht. Und und begrab mein Herz an der Biegung des Flusses.
Jonas: Du hast kein Herz, Sammy.
Sam: Wetten daß doch. Sammy hat Gefühle. Sammy ist ein Mensch.
Jonas: Du übertreibst.
Sam: Vielleicht ein bißchen. Klingt aber schön. Irgendwie richtig schön. Und tschüß.
Jonas: Tschüß Sammy. Natürlich war ich traurig, sehr sogar, aber nicht nur. Ganz tief unten regte sich ein völlig anderes Gefühl. Ein Gefühl der Erleichterung, der Befreiung, endlich Ruhe. Ich stolperte weiter, und irgendwann muß ich dann eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war alles anders. Die Luft, das Land, die Farben. Um mich nicht mehr das bunte Gift des toten Landes. Ich sah Grün. Gesundes, lebendiges Grün, Bäume, viele Bäume. Lianen und Orchideen. Ein richtiger Urwald. Affen turnten durch die Zweige, Vögel sangen, unter meinen Füßen war Erde, braune Erde. Träumte ich?
Jamaro: Hier Jonas, hier ist dein Weg.
Jonas: Jamaro?
Jamaro: Folge mir.
Jonas: Aber du bist doch tot.
Jonas: Jamaro ging voraus, undeutlich, schattenhaft, zwischen den wuchernden Pflanzen kaum zu erkennen. Dann wurde es vor uns heller, immer heller. Jamaro winkte mir zu, und verschwand. Ich trat aus dem Wald ins Licht. Vor mir eine wunderschöne Landschaft, braune Hügel, grüne Wiesen, goldene Felder, vom tiefblauen Himmel schien eine freundliche gelbe Sonne, und in der Ferne sah ich eine Stadt, Häuser, Giebel, Türme, Wetterfahnen. Babylon? Aber diese Stadt war kleiner, ohne Klimadom, und viel schöner. Babylon, wie es vielleicht einmal war, wie es hätte sein können. Ich ging auf die Stadt zu, und aus der Stadt kam mir jemand entgegen. Ich blieb stehen. Ich steckte mitten in einem Wunder, aber ich konnte es nicht glauben. Judith. Judith Delgado. Keine Doppelgängerin mit Plastiface und Mord im Herzen. Judith, meine Judith, sie lief auf mich zu, und auch ich begann zu laufen.
Judith: Jonas.
Jonas: Judith.
Judith: Endlich bist du da, ich warte schon so lange. Komm.
Jonas: Wohin?
Judith: Nach Babylon natürlich. Da wirst du gebraucht. Philip Marlowe wartet auf dich, Sam Spade, Nestor Burma, die freuen sich mit dir zu arbeiten. Und ich freu mich, weil du nun endlich da bist. Komm.
Noch immer kein Bild.
Die Minicam ist endgültig hinüber.
Was ist mit Jonas.
Er ist zusammengebrochen. Das war das letzte, was wir gesehen haben.
Der kommt nicht mehr hoch.
Jonas sind wir los, oder meine Damen, meine Herren?
Ich schlage vor die Aktion Jonas für erfolgreich beendet zu erklären, was meinen sie.
Etwas unbefriedigend, aber wie die Dinge liegen. Einverstanden.
Von mir aus. Machen wir ein Ende.
Das war Abgesang. Eine Folge der Science-Fiction-Krimiserie Jonas. Nur Jonas. Und Sam. Von Michael Koser. Nähere Informationen und die Folgen zum kostenlosen Download finden Sie unter jonas-nur-jonas-und-sam.de. Eine Produktion der Kanzlei Dr. Bahr. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Karin Anselm, Katja Brügger, Gisela Ferber, Uwe Friedrichsen, Stefan Gnad, Thomas Karallus, Vanida Karun, Andrea Lienau, Christoph Morgenroth, Klaus Nietz, Deef Pirmasens, Christian Stark, Angelika Thomas, Henning Venske, Peter Weis und Elena Wilms. Ton und Technik: Marcus Giersch und Christoph Guder. Aufgenommen im Tonstudio Fährhauston in Hamburg (2008). Regie: Werner Klein.
Kommentar von Andrea Schwarz |
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Kommentar von Leo Malet |
Leo Malet: Die Brücke im Nebel (SWF 1989)
Burma: Mein Wagen war in der Inspektion, also nahm ich die Metro ins 13. Arrondissement, hätte mir auch ein Taxi leisten können, aber bis Weihnachten waren es noch eineinhalb Monate, außerdem nieselte es hundsgemein und dann lösen sich in Paris die Taxis bekanntlich in Luft auf, laufen einfach ein, sobald sie vom ersten Tropfen naß werden, ich nahm also die Metro, setzte mich ins 1. Klasseabteil der Linie Eglise de Pantin - Place d'Italie und las noch mal diesen mysteriösen, nach billigem Parfüm riechenden Brief.
Benoit: Lieber Genosse, ich wende mich an dich auch wenn du flic geworden bist, aber du bist anders als die anderen flics und außerdem kenne ich dich von klein auf, ein Scheißkerl hat ne Schweinerei vor, komm zu mir ins Hopital de la Salpetriere, dann erklär ich dir, wie du ein paar Freunden helfen kannst, in brüderlicher Verbundenheit, Abel Benoit.
Burma: Keine Ahnung wer Abel Benoit war, keine Erinnerung an das Parfüm, wahrscheinlich wollte mich einer im November in den April schicken, plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden, hinter der Trennscheibe zur 2. Klasse stand ein Mädchen, sie sah aus, als pflücke sie 1000km weiter weg Vergißmeinicht, als unsere Blicke sich trafen sah sie mir direkt in die Augen und blinzelte mir kaum merklich zu, ein aufregendes Mädchen, Anfang 20, tolle Figur, blauschwarz-schimmernde Haare, eine Zigeunerin wohl, an der Station Gare d'Austerlitz stieg ich aus, sie auch.
Belita: Sie sind Nestor Burma, stimmts.
Burma: Ja, und sie.
Belita: Gehen sie nicht hin, es ist umsonst.
Burma: Wohin soll ich nicht gehen.
Belita: Da wo sie hingehen, zu Abel Benoit, es hat keinen Zweck mehr.
Burma: Mit einer energischen Kopfbewegung warf sie ihre schwarze Haarpracht zurück, die Ohrringe klirrten gegeneinander, da stieg mir eine Wolke des billigen Parfüms in die Nase.
Belita: Er ist tot.
Burma: Dann war es doch kein Aprilscherz.
Belita: Wie meinen sie das.
Burma: Nur so, weiter.
Belita: Das ist alles.
Burma: Entweder haben sie schon zu viel gesagt oder nicht genug, wann ist er gestorben.
Belita: Heute morgen, er wollte sie sehen aber dazu ist es ja jetzt zu spät, vielleicht habe ich seinen Brief zuspät zur Post gebracht.
Burma: Ich hab doch so was gerochen, waren sie mit ihm verwandt.
Belita: Er war ein alter Freund von mir, so was wie ein Adoptivvater.
Burma: Was wollte er von mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Aber er hat ihnen von mir erzählt.
Belita: Ja.
Burma: Was.
Belita: Sie wären ein Flic, Privatflic aber anders als die anderen, ganz in Ordnung, ich könnte ihnen vertrauen.
Burma: Und, vertrauen sie mir.
Belita: Weiß ich nicht.
Burma: Viel wissen sie wirklich nicht.
Belita: Nur daß er tot ist.
Burma: Ja jedenfalls behaupten sie das.
Belita: Glauben sie mir nicht.
Burma: Hören sie meine liebe, haben sie auch einen Namen.
Belita: Belita, Belita Morales.
Burma: Also meine liebe Belita, ich glaube im Allgemeinen nur das was ich sehe, sie erzählen mir er sei nicht mehr und ich geh wieder nach hause, leider gehe ich nie so schnell nach hause, ich bin hartnäckig.
Belita: Ich weiß.
Burma: Ach endlich wissen sie mal was.
Belita: Ja das hat er mir nämlich auch erzählt.
Burma: Ich gehe in die Salpetriere und sie kommen mit.
Belita: Nein.
Burma: Und wenn ich sie mir unter den Arm klemme.
Belita: Das würde ich ihnen nicht raten.
Burma: Na schon gut, gehe ich eben allein, werde sie schon wiederfinden.
Belita: Das wird nicht schwer sein, ich warte auf sie.
Fabre: Sieh mal einer an, Genosse Burma, herzlich willkommen Genosse Burma.
Burma: Zum Glück bin ich kein flic, sonst würde ich sie bei ihrem Vorgesetzten verpfeifen, was soll denn dieses Vokabular, sind sie bei den Kommunisten.
Fabre: Diese Frage wollte ich ihnen stellen.
Burma: Dieser Staatsbürger in ziviler Uniform war niemand anders als Inspektor Fabre, einer der Leute meines Freundes Florimond Faroux, Chef der Kripozentrale.
Burma: Ich bin kein Kommunist.
Fabre: Aber sie waren Anarchist, vielleicht sind sies immer noch, für mich ist das alles eins.
Burma: Schon lange her seit ich die letzte Bombe geworfen habe.
Fabre: Verdammte Anarchisten.
Burma: Jetzt reichts aber Mr McCarthy, schon mal was von G. Clemenceau gehört.
Fabre: Der Tiger.
Burma: Genau dem, dem ersten Flic der Nation, wie er sich selbst getauft hat, wer mit 16 kein Anarchist war, ist ein Dummkopf.
Fabre: Das hat er gesagt der Tiger.
Burma: Jawohl mein lieber.
Fabre: Aber sollte er nicht hinzugefügt haben, aber auch der ist einer der mit 40 immer noch einer ist oder so ähnlich.
Burma: Stimmt, so was ähnliches soll er auch gesagt haben.
Fabre: Hören wir auf mit dem Quatsch, sie wollten zu Abel Benoit.
Burma: Und sie haben direkt auf mich gewartet.
Fabre: Genau, an sich ist der Fall klar, ein Überfall bei dem das Opfer dran glauben mußte aber daß sie das Opfer kannten fanden wir ganz lustig Kommissar Faroux und ich.
Burma: Es wird sogar noch lustiger, ich kannte diesen Abel Benoit überhaupt nicht.
Fabre: Warum haben sie dann nach ihm gefragt.
Burma: Kommen sie schauen wir uns die Leiche an.
Fabre: Na Monsieur Burma.
Burma: Falls ich ihn kannte, hatte er bestimmt weniger Haare auf der Oberlippe, dafür mehr auf dem Schädel, vielleicht hat er auch gelacht.
Fabre: Ja soll vorkommen, im Augenblick sieht er ziemlich wütend aus.
Burma: Vielleicht ist ihm zu kalt, sagen sie, hatte dieser Abel Benoit noch andere Namen.
Fabre: Lenantais.
Burma: Lenantais, der aus Nord.
Fabre: Kein Spitzname, Lenantais ein Wort, Abel.
Burma: Großer Gott, Albert Lenantais, natürlich kannte ich ihn.
Fabre: Wann und wo.
Burma: Vor 30 Jahren in der Rue Tolbiac, Heim für Vegetalier.
Fabre: Falsch.
Burma: Wieso falsch.
Fabre: Vegetarier.
Burma: Was lernt ihr eigentlich auf der Polizeischule, Vegetalier, Vegetarier essen kein Fleisch, dafür aber Eier und Milchprodukte, Vegetalier dagegen essen ausschließlich pflanzliche Kost, einer behauptete sogar man müsse Gras fressen direkt von der Wiese, auf allen vieren.
Fabre: Und Lenantais, war das auch so ein Bekloppter.
Burma: Ein bißchen.
Burma: Ich erinnerte mich an eine Szene im Vegetalierheim, es war kurz vor Weihnachten, der Genosse Garum kam in den Schlafsaal, schnüffelte, sah einen anderen Genossen seine Pfeife rauchen, ging auf ihn zu, nahm ihm die Pfeife aus dem Mund und schmiß sie gegen die Wand, daß sie zerbrach.
Benoit: Genosse Garum, das war ein autoritärer Akt, eines Anarchisten unwürdig, willst du uns vielleicht eines Tages auch noch zwingen, auf allen vieren Gras zu fressen, du kannst tun und lassen was du willst, kannst erzählen wie schädlich Tabak ist, aber du mußt die Sklaven solcher Bedürfnisse durch Argumente überzeugen nicht durch autoritäres Verhalten.
Ich nenn das verrückt aber das wundert mich nicht sie kennen sowieso nur verrückte.
Faroux: Nanana ganz so hart wollen wir das nicht ausdrücken.
Burma: Sieh an, Kommissar Faroux bemüht sich persönlich.
Faroux: Wann haben sie Lenantais zum letzten Mal gesehen.
Burma: Vor 30 Jahren, reicht das, und jetzt erzählen sie mir was hier gespielt wird.
Faroux: Gehen wir in ein Bistro.
Burma: Okay, ich brauch sowieso einen Schluck.
Faroux: Ein seltsame art das andenken in ehren halten wo er doch nur Wasser trank.
Burma: Er war tolerant.
Faroux: Was trinken sie.
Burma: Whisky, wenn sie mir schon einen ausgeben, dann wollen sie mir bestimmt sagen, was sie schon alles wissen, also raus damit, zB wo wohnte er.
Faroux: Passage des Hautes-Formes, gleich um die Ecke von der rue de tolbiac in einem Schuppen.
Burma: Und was machte er so.
Faroux: Er handelte mit Lumpen und kümmerte sich um eine schöne Zigeunerin, die im Nebenhaus wohnt, im übrigen hat er eine Menge Zeitungsauschnitte gesammelt.
Burma: Das ist nichts besonderes, machen viele.
Faroux: Aber nur Berichte über Kriminalfälle, in die ein gewisser Nestor Burma verwickelt war, meistens geschrieben von einem Journalisten mit eindeutigem Ruf.
Burma: Damit konnte nur mein trinkfreudiger Journalistenfreund gemeint sein, dessen Geschmacksnerven waren zwar vom Saufen lädiert aber sein Zinken roch die heißen Fälle schon vom weitem.
Burma: Kommissar sie entschuldigen mich einen Augenblick.
Frau: Redaktion Le Crepuscule.
Burma: Nestor Burma, geben sie mir Marc Covet.
Frau: Ich verbinde.
Covet: Hallo.
Burma: Burma, wieder mal mit ner kleinen Bitte, sieh doch bitte mal nach, was in den letzten Tagen über das 13. Arrondissement zusammengeschmiert worden ist, zwischen den Dreizeilern da muß irgendwas über einen Lumpensammler namens Abel Benoit stehen, richtiger Name Lenantais, recherchier mal ein bißchen und fabrizier einen Artikel über 30 Zeilen und paß auf daß er auch gedruckt wird.
Covet: Ist das der anfang von was.
Burma: Schon das ende, er ist tot, hab ihn gekannt, vor ner Ewigkeit.
Covet: Und jetzt sorgst du posthum für Publizität.
Burma: Ach, der hat bestimmt keinen Wert drauf gelegt, in der Zeitung zu stehen, ein ganz bescheidener.
Covet: Also mißachtest du seinen Willen.
Burma: Kann schon sein.
Burma: Ich schickte die Schnipsel von Lenantais Brief mit der Wasserspülung auf große Fahrt, genehmigte mir noch ein Glas an der Theke und machte mich auf zur Passage des Hautes-Formes, um dieser süßen Belita einen besuch abzustatten, hier sah es noch aus wie unter dem ancient regime, links und rechts nichts als Baracken, höchstens mal 1 Etage drauf.
Burma: He, he, wo finde ich den Schuppen von Abel Benoit.
Mann: Am ende vom hof links.
Burma: Und dahinter schimmerte Licht durch die Haustür, sie war nicht abgeschlossen, und schon war ich drin im Hausflur, und mitten in einem Mordsgestank von verwesenden Chrysanthemen, eine Stiege führte ins obere Stockwerk, wer quält hier kleine Mädchen um die zeit, ein furchtbares Weib drehte sich um, der Kopf saß direkt auf einer mottenzerfressenen Pelzjacke, eine Peitsche in der Hand.
Burma: Hallo Belita.
Frau: Belita, Belita, der fickt dich also, mit irgendeinem mußt du ja ficken, du Hure.
Burma: Ich schlafe immer allein.
Frau: Und du, du Hurenbock.
Burma: Halt eine Schnauze, oder was das große schwarze Loch da ist, pack deine Titten ein und dann verpiß dich, so das wärs.
Belita: Danke.
Burma: Schon gut, übrigens sie haben nicht auf mich gewartet heute nachmittag.
Belita: Ich hab die flics gesehen.
Burma: Dachte ich mir, aber erstmal müssen wir das behandeln.
Burma: Ich zeigte auf ihre Brust und sah mir die Striemen näher an, die die Alte ihr mit der Peitsche beigebracht hatte, eindrucksvoll, sieht nicht gut aus.
Belita: Ich kümmer mich drum.
Burma: Na legen sie sich hin.
Burma: Ich nahm das erstbeste Handtuch und machte ihr eine Kompresse, es war nicht so schlimm wie ich ursprünglich angenommen hatte, ich stopfte meine Pfeife, mir war kotzelend, dazu der Gestank von unten, kurzentschlossen ging ich runter, schnappte mir die Kiste mit Chrysanthemen und warf alles auf den Hof, das wärs, sagte ich schon zum zweiten mal, erzählen sie mal von vorn und keine Märchen, hm.
Belita: Also gut, das ist seine Brieftasche, Abel hat ausgesagt, er sei von Arabern überfallen worden, aber das ist nicht wahr, ich sollte die Brieftasche verstecken, damit es so aussah, als hätte man ihn ausgeraubt.
Burma: Was ähliches hab ich schon die ganze zeit gedacht, ist noch alles drin.
Belita: Wofür halten sie mich.
Burma: Es waren 30000 franc drin aber sonst nichts, was mich weiterbrachte, Belita wollte das Geld nicht, und da steckte ich es erstmal ein, wer war die alte Hexe.
Belita: Dolores, vorhin bevor sie kamen hat sie mir erzählt, daß Abel ein Abkommen mit ihr hatte.
Burma: Abel hatte ein Abkommen mit ihr.
Belita: Er hat mich gekauft.
Burma: Gekauft.
Belita: Ja.
Burma: Und warum kauft ein Lumpensammler eine junge Zigeunerin.
Belita: Mit der Sippe kam ich vor 4 Jahren nach Lübri, dort lernten wir Abel kennen, Dolores haßte mich, er riet mir wegzugehen, aber ich konnte nicht, als es noch schlimmer wurde, ging ich zu ihm, er brachte mir lesen und schreiben bei, sorgte für mich.
Burma: Und wieso gekauft.
Belita: Er zahlte damit sie mich in ruhe ließen.
Burma: Ach jeden Tag verlier ich eine Illusion, ich dachte die Zigeuner hätten mehr Charakter.
Belita: Nur eines hätten sie niemals geduldet.
Burma: Was.
Belita: Wenn er mit mir geschlafen hätte.
Burma: Und.
Belita: Er hat mich nie angerührt, und das wußten sie, manche Dinge spüren wir instinktiv.
Burma: Wir.
Belita: In gewisser Hinsicht gehör ich noch zu ihnen.
Burma: Ja, das hat sich die liebe Dolores heute auch gesagt, sie wollte sie zurückholen, stimmts, also nochmal zu Abel, er kam schwerverletzt hier an und dann.
Belita: Erst sträubte er sich gegen das Krankenhaus, meinetwegen hat er nachgegeben, dann in die Salpetriere hat er gesagt, du lieferst mich einfach dort ab, ohne Erklärung, mein Privatleben geht niemand was an.
Burma: Er hat ihnen die Salpetriere genannt, warum.
Belita: Er kannte dort einen Arzt, glaub ich, werden sie ihn rächen, den Scheißkerl der ihn umgebracht hat.
Burma: Was ich vergessen habe wo ist er überfallen worden hat er ihnen das erzählt.
Belita: Er hat was von der rue watt gesagt, die Straße die unter der Bahn durchführt von der rue cantagrel zum quai de la gare.
Burma: Watt, ein vielversprechender Name um licht ins dunkel zu bringen, hoffentlich blieb es nicht bei versprechen, in den folgenden Stunden versuchte ich so viel wie möglich aus ihr rauszuholen, Lenantais Gewohnheiten, Freunde, Geschäftsfreunde, nichts brauchbares, aber Lenantais Geschichte war auch meine, zum teil jedenfalls und ich erzählte Belita von einem zornigen jungen Mann, Nestor Burma mit Namen, der hier in der Gegend rumgelatscht war, scheiß viertel ist das hier Belita, miese gegend, hier bin ich kaputtgemacht worden, hat sich zwar ziemlich viel verändert seit meiner Zeit, aber da ist immer noch das selbe Klima, hau ab, Belita, hau ab, verscheuer deine Blumen wo du willst, aber verschwinde aus dieser Gegend, es stinkt hier nach Elend, nach Unglück.
Belita: Jetzt hast du mich gedutzt.
Burma: Schlimm, bei Anarchisten duzt man sich schnell.
Belita: Ich finds gut, erzähl mir mehr aus dem Vegetalierheim, warum haßt du diese Zeit.
Burma: Weil nicht alle waren wie Lenantais, die meisten waren große Ärsche, Lacorre, der fing immer Streit mit mir an, ich verkaufte damals Zeitungen, um mir ein bißchen fressen zu kaufen.
Lacorre: Und ich sag friß doch wenn du so großen Hunger hast, verdammt, nennt sich Anarchist und verkauft bürgerliche Zeitungen, der Anarchist mit der Eisbombe.
Benoit: Jetzt reichts aber Lacorre, was soll er denn machen, bist du vielleicht ein besserer Anarchist.
Lacorre: Allerdings.
Benoit: Möchte wissen ob du überhaupt weißt, was das ist, bei uns kann jeder kommen und gehen, wie er will, wir fragen nicht danach was er ist.
Lacorre: Hätte noch gefehlt.
Benoit: Trotzdem ein Anarchist ist was anderes.
Lacorre: Jedenfalls verhält sich ein Anarchist nicht so passiv, er resigniert nicht, wie das Bürschen da, er läßt sich nicht dazu herab diesen bürgerlichen Schund zu verkaufen, er wehrt sich, schlägt sich durch, klaut.
Benoit: Leeres geschwätz, jeder kann sein leben leben wie er es für richtig hält solange er die Freiheit des anderen nicht einschränkt, der da verkauft sein Käseblättchen, du simulierst Arbeitsunfälle, unterstehst vor der Kontrolluntersuchung bei der Sozialversicherung, solange du noch kein Geldboten überfallen hast, mußt du die Schnauze halten.
Lacorre: Und du, hast du vielleicht einen Geldboten überfallen.
Benoit: Ich hab mir 2 Jahre Bau einfangen für Falschmünzerei, bin ich stolz drauf, aber das ist meiner Meinung nach was anderes als vorgetäuschte Unfälle.
Lacorre: Dabei wirds nicht bleiben, eines Tages passiert was, dann werden wir sehen, wozu ich eigentlich fähig bin, ich kann auch Geldboten zusammenschlagen.
Belita: Warum sollte Lacorre einen Geldboten überfallen.
Burma: Wir diskutieren damals die sog. illegale Aktion, die Frage war, sollten wir dem Kapital durch individuelle Aneignung oder gewalttätige Enteignung wie das damals hieß einen Schlag versetzen.
Belita: Wie alt warst du da.
Burma: 17.
Belita: Warum wurde von dir nicht dasselbe verlangt wie von Lacorre.
Burma: Ich hatte zwar nichts zu beißen, schlief im Vegetalierheim, aber als kühner Spieler des Lebens wie die Aktionisten genannt wurden war ich nicht vorgesehen.
Belita: Abel mochte dich wohl besonders.
Burma: Sind offenbar beide Abels Lieblinge gewesen.
Belita: Und jetzt beschützt du mich vor Dolores, das ist doch kein Zufall.
Burma: Ich sollte gehen.
Belita: Bleib, komm zu mir, halt mich ganz fest.
Burma: Der Nebel hatte sich verzogen, eine gelbe Sonne kitzelte die kahlen Akazien in der rue de tolbiac, Passanten eilten an mir vorbei, ein ganz normales Viertel mit seinen Geschäften, seiner Zeitungsverkäuferin an der Ecke, ich kaufte die 5 Uhr Ausgabe des Crepuscule und ging ins nächste Bistro, Marc Covet hatte einen ziemlich langen Artikel über Lenantais Tod hingeschmiert, jetzt mußte ich nur noch warten daß jemand diesen Artikel las und reagierte, aber wer und wie, ich kaufte Croissants und Milch, und ging in die Passage des Hautes-Formes zurück, Belita stand im Hof und stopfte in den verfaulten Chrysanthemen in den Mülleimer, ihr Morgenmantel gähnte was das Zeug hielt.
Burma: Berührst du mich, nein, ich auch nicht.
Belita: Paß auf, hinter dir, Salvador.
Salvador: Los, mitkommen.
Burma: Wer ich.
Salvador: Die da.
Burma: Du haust jetzt ganz schnell wieder ab.
Salvador: Vor dir.
Burma: Ich bin nicht allein, mit Blei in der Birne kannst nicht mehr hinter deinen Cousinen herrennen.
Burma: Der Kerl machte ein dämliches Gesicht und trat den Rückzug an.
Salvador: Ich hau ja schon ab.
Burma: Das ging ziemlich glatt, aber irgendwas würde noch kommen und es kam.
Salvador: So du Großmaul, zeig mal ob du immer noch der tolle Beschützer bist.
Burma: Plötzlich war er auch zu zweit, mit einem Messer das gefährlich blitzte.
Burma: Keinen scheiß du machst dich unglücklich.
Salvador: Aber du bist dann nicht mehr dabei.
Burma: Du wirst gleich mitgenommen von den beiden hinter dir.
Burma: Der Kleine fiel auf diesen Uralttrick herein und drehte sich um, das Messer fiel auf das holprige Pflaster, mit dem Fuß schoß sie es weit weg unter die Tür von Lenantais Schuppen.
Salvador: Fühl dich nicht so sicher, wir werden uns wiedersehen.
Burma: Salvador wußte jetzt, daß ich mit ihr schlief, also nichts wie weg aus dieser ungesunden Gegend.
Helene: Agentur Fiat Lux.
Burma: Helene, hier Burma, gibts was Neues.
Helene: Nein Chef, hier herrscht himmlische Ruhe.
Burma: Und mein Freund Florimond Faroux.
Helene: Nichts Chef.
Burma: Übrigens in meiner Wohnung ist vorübergehend ein Klient untergebracht.
Helene: Hmh, nach ihren leuchtenden Augen zu urteilen handelt es sich wohl eher um eine Klientin.
Burma: Ihre Eifersucht ist bezaubernd schöne Helene.
Burma: Der Tag begann vielversprechend, keine Spur, kein Hinweis, mit Belita klapperte ich alle Lumpensammlerkollegen von Lenantais ab, nichts, in der Brasserie Rose nahmen wir kleinen Imbiß, ich lud Belita ins Kino ein, ein Kriminalfilm, vielleicht fiel mir dabei was intelligentes ein, wieder nichts, wir schlichen durch den verbummelten Tag.
Burma: Der einzige, der uns weiterhelfen kann, ist der Arzt in der Salpetriere, aber wie find ich den unter tausend Ärzten.
Belita: Madre dios, der Arzt.
Burma: Was ist mit dem Arzt.
Belita: Der ihn immer zuhause behandelt hat, ist schon ziemlich lang her, fast 2 Jahre, vielleicht ist er das.
Burma: Ist er bestimmt, wie heißt er.
Belita: Weiß ich nicht mehr, aber er hat ein Rezept ausschreiben, ich bin damals selbst zur Apotheke gegangen.
Burma: Also zurück in die Passage des Hautes-Formes, wenn er das Rezept aufbewahrt hat, werde ich es finden, die flics haben sich bestimmt nicht für das Rezept interessiert.
Burma: Lenantais wohnte über seinem Schuppen, oben sah es genauso aus wie unten, Lumpensammler und dazu noch Anarchist, da blieb die Ordnung auf der Strecke, offensichtlich hatte aber auch der Arm des Gesetzes geholfen, dieses Chaos anzurichten, die Bücher waren einfach aus dem Regal gerissen, und im Staub lagen ein paar seltene Nummern von Emile Pouget Le Pere Peinard und Sabotage neben Standardwerken wie Wegweiser für einen anarchistischen Individualisten von E. Armand, über einen Moral ohne Zwang von Guyau und Jule der Glückliche von Gore Vidal, tote Buchstaben und tote Gedanken, die nur noch Sammlerherzen höher schlagen lassen, mich kotzten sie an, ich ging wieder runter und schaute mich noch mal im Lager um, in eine Ecke, in die kaum Licht fiel, lag ein seltsamer Lumpenhaufen, einer mit Hosen und Regenmantel.
Belita: Schon wieder ein toter.
Burma: Reg dich nicht auf, du kennst Nestor Burma erst seit 24 Std, was Besseres kann mir gar nicht passieren, jetzt nimm dich zusammen und sieh dir die Leiche an, kennst du den.
Belita: Nie gesehen.
Burma: Papiere hatte der Kerl auch nicht dabei, dafür aber ein Messer im Rücken.
Burma: Salvador ist gut im messerwerfen, oja, hat gut getroffen.
Burma: Wer konnte dieses Opfer sein, neben ihm lag die heutige Ausgabe des Crepuscule mit Mark Covets Artikel über Lenantais, aufgeschlagen, mich traf also eine gewisse Mitschuld, irgendjemand hatte den Artikel gelesen und reagiert.
Belita: Was machen wir jetzt.
Burma: Die flics müssen ihn nicht unbedingt hier finden, aber ich möchte wissen, wer er ist, das können die besser rauskriegen, ich würd ihn irgendwo hinlegen wo er nicht zu lange vor sich hin schimmelt, ist Lenantais alte Kiste noch zu gebrauchen, sicher, hoffentlich hält der Nebel noch ein weilchen.
Burma: Wir hievten die Leiche auf Lenantais alten Fordtransporter, fuhren durch die rue national und bogen dann links in die rue de tolbiac ein, zur Seine hin wurde der Nebel immer dichter, drang sogar durch unsere Kleider, meine Finger waren blau gefroren, krampften sich ums Lenkrad, ohne daß ichs wollte, ab und zu spürte ich Belitas Schenkel, wir fuhren wie durch dreckige Watte.
Belita: Rue de tolbiac.
Burma: Hier drunter sind die Gleise vom gare d austerlitz.
Belita: Sei vorsichtig.
Burma: Blödes arschloch, war wohl völlig besoffen.
Burma: Ich warf den Wagen wieder an, bald waren wir am Seineufer, überall lag Alteisen, der Unbekannte würde sich auf diesem Schrotthaufen wie zuhause fühlen, hatte sich ja bei Lenantais schon dafür interessiert, ich hielt an, stieg aus und lief nach hinten.
Burma: Wir haben ihn verloren, hahaha, dem hat es bei uns nicht gefallen, oder er ist per Anhalter gefahren, ich dachte Tote schlafen fest.
Burma: Wir fuhren denselben Weg zurück, mitten auf dem pont de tolbiac, im dicken Nebel kaum zu erkennen, beugten sich zwei Schatten mit Pelerine über ein längliches Paket.
Burma: Ich glaube, ich hab mir einen Schluck verdient, du auch.
Belita: Ich hab Angst, cheri.
Burma: Ach was, mon amour.
Belita: Aber vielleicht kann ich dir doch helfen, Abels Mörder zu finden, wir müssen noch zur Heilsarmee, mit denen machte Abel auch Geschäfte.
Burma: Jaja, die Soldaten Gottes haben ihn abgemurkst.
Burma: Der nächste morgen fing beunruhigend erfolgreich an, unsere verlorene Leiche war identifiziert, die Zeitungen machten die Geschichte groß auf.
Belita: Bis zu seinem Tod brachte der pont de tolbiac Inspektor Ballard nur Unglück.
Burma: Norbert Ballard war vor 20 Jahren beauftragt, das Verschwinden des Geldboten Daniel aufzuklären, dessen Spuren sich auf dem Pont de tolbiac verloren hatten, Ballard gelang es nie das Rätsel aufzuklären, er wurde darüber schwermütig, wurde frühzeitig pensioniert, und suchte sein restliches Leben lang die Lösung.
Belita: Man konnte ihn häufig in der Nähe der rue dechevalier oder an den quais herumirren sehen, dieser harmlose friedliche Wahn muß ihm wohl zum Verhängnis geworden sein, wie seine frühere Kunden kehrte er an den Ort seines Verbrechens, seines Falles, seines Geheimnises zurück, dort fiel er seinen Mördern in die Hände, was bedeutet das.
Burma: Eins steht jedenfalls fest, Salvador war es nicht.
Burma: Und noch ein Erfolg, Helene hatte Lenantais Arzt ausfindig gemacht, weiß der Teufel wie und sie hatte sogar schon mit ihm geredet.
Helene: Ein gewisser Dr Kodorat, kennen sie ihn.
Burma: Nein nie gehört.
Helene: Aber er kennt sie.
Burma: und woher wissen sie das.
Helene: Er meinte, falls es sich um Abel Benoit handeln würde, sollten sie sich besser an Monsieur Baurenot wenden, er sei bereits unterrichtet und erwarte sie.
Burma: Danke Helene, können sie sich das erklären.
Helene: Vielleicht lesen auch Ärzte manchmal Zeitung.
Burma: Ich möchte zu Monsieur Baurenot.
Mann: Sie haben Glück, eine Minute später, und ich hätte sie nicht mehr reingelassen.
Burma: Warum.
Mann: Hören sie die Säge, Monsieur.
Burma: Jetzt nicht mehr.
Mann: Eben, die Stunde x, Streik.
Burma: Ich ging hoch ins Büro, ein Mann von rund 50 Jahren stand am Fenster und sah durch die Gardine auf den Fabrikhof, gutgekleidet, fett, breite Schultern, Charles Baurenot drehte sich zu mir um, musterte mich und meine Zeitungen, die ich unter dem Arm festgeklemmt hatte.
Baurenot: Nestor Burma, altes Haus, was hast du denn die ganze Zeit getrieben.
Burma: Ich muß wohl ziemlich blöd gekuckt haben, in der tat war ich auf eine solche Begrüßung nicht gefaßt.
Baurenot: Na dämmert dir langsam, wer hätte das gedacht, Detektiv, naja, mein Name sagt dir wohl nichts, was, ja damals nannte ich mich Diporeno.
Burma: Im Club der aufständischen, Boulevard August Longin, Thema wer ist schuld, die Gesellschaft oder der Verbrecher, Cami Berni.
Baurenot: Nicht so laut, Cami Berni ist tot und begraben, war übrigens mein Name bei Anarchisten, mein richtiger Name ist Claude Baurenot, dein Name steht öfter in den Zeitungen, Privatflic, ist ein Unterschied, ein kleiner, also um was geht es.
Burma: Ich schätze, daß dich in allernächster Zeit jemand belästigen wird.
Baurenot: Aha, versteh ich nicht.
Burma: Ich erzählte ihm von Lenantais Brief, und von meiner Überzeugung, daß ich jetzt die Freunde oder zumindest einen der Freunde gefunden hatte, denen ich nach Meinung des Alt und Exgenossen Lenantais hätte helfen sollen.
Baurenot: Irgendein Schwein bringt Lenantais um, hat ne Sauerei vor, du sollst diese gemeinsamen Freunde davor bewahren ja gut gut aber wieso hast du sofort an mich gedacht.
Burma: ZB weil ihr euch immer noch gesehen habt, weil du ihm geholfen hast, weil du seinen Arzt bezahlt hast.
Baurenot: Weil ich ihn manchmal beneidet habe, jawohl, alle reichen Säcke erzählen dieses Märchen, aber ich mein das anders, er hatte so was unverdorbenes an sich, das tut richtig gut, und deshalb hab ich ihm den Arzt bezahlt.
Burma: Und der Arzt hat der sich nicht gewundert.
Baurenot: Ein guter Freund von mir, hat gedacht ich wäre besonders barmherzig, wenn ich einem Lumpensammler helfe, es war keine.
Burma: Sondern Erinnerung an die Vergangenheit, egal was aus uns noch wird, so ganz löst man sich nie davon.
Baurenot: Die Vergangenheit ist vergangen, meine Vergangenheit ist mir scheißegal.
Jean: Scheiße, hast du die Zeitung gelesen.
Burma: Der Mann sah mich an und blieb wie angewurzelt stehen, eckiges Kinn, elegant gekleidet, Brille mit Goldrand, dunkle Augen, gehetzter Blick, er schien krank, blaß in den Knien.
Baurenot: Hey Burma, kennst du Delond nicht mehr.
Burma: Ich hab ihn nur unter Jean gekannt, ich glaube jetzt würde ich langsam sämtliche Vegetalier wiedererkennen.
Jean: Natürlich, hätte dich kaum wiedererkannt, du warst damals ein ganz kleiner scheißer, unseren Älteren gebührt Respekt, um ein haar hätte man mir nicht aufgemacht, die streiken also tatsächlich, scheint wohl die Zeit zu sein, was hast du, bist du krank, du siehst, irgendwas ist mir schlecht bekommen, die Austern glaub ich.
Burma: Wir tranken Champagner, redeten über die alte Zeiten, über ehemaligen Genossen aus dem Vegetalierheim, ich ließ so richtig Dampf ab und schimpfte auf den grasfressenden Barbardu und das Arschloch von Lacore, Delong wurde immer blaßer. Was ist denn mit dir los.
Baurenot: Vorurteile, sich weiterentwicklen na gut, auch ruhig sein Mäntelchen nach dem Wind hängen, was ist daran schlimmes, aber Jean meint, das mit Lacorre das war ein starkes Stück.
Burma: Hat er den Geldboten überfallen.
Baurenot: Nein, besser, oder schlechter, wir habens aus der Zeitung erfahren, er hat vor etwa 20 Jahren seine Freundin umgebracht, weil sie ihn betrogen hat hier.
Burma: Apropos vor 20 Jahren und Geldbote, vielleicht erzählt ihr mir mal was über das Geheimnis des tolbiac, ihr habt doch den Geldboten der Kühlfirma um die Ecke gebracht, stimmts.
Baurenot: Du jetzt reichts aber.
Burma: Ich zitier aus der Zeitung von heute, auch die Polizeispitzel des Milieus waren für Inspektor Ballard keine Hilfe, entweder Einzelgänger oder Anarchisten, schätze ich, Anarchisten waren keine typischen Gangster, sie waren auch keine Verräter, intelligente Verbrecher.
Baurenot: Intelligente Verbrecher, wenn ich das schon höre.
Burma: Das hast du damals selbst gepredigt, im Vegetalierheim, weiter, ich will euch sagen wie ihr es gemacht hat, Lenantais und ihr zwei, bequatscht den Angestellten der Kühlfirma, das Geld, das er mit sich rumschleppt, unter euch aufzuteilen, der Geldbote soll untertauchen, taucht aber nach einiger Zeit wieder auf, als ihr das Geld schon unter euch beiden verschachert habt, ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.
Baurenot: Aha, ist aber schade.
Burma: Ihr seid Charakterschwein, im Gegensatz zu Albert Lenantais, er hat euch vertraut und mir auch, denn ich sollte euch warnen, verdammt noch mal ich soll euch nicht die Leviten lesen ist mir scheißegal was ihr gemacht habt, aber eins sag ich euch, ich werde Alberts Mörder finden, auch wenn ihr mir nicht helft.
Baurenot: Wir können dir leider nicht helfen, weil wir nichts damit zutun haben, glaubst du wenigstes selbst an deine Geschichte.
Burma: Nicht unbedingt, ist so ne Art Diskusionsgrundlage.
Baurenot: Dann ist die Diskussion wohl beendet.
Burma: Ein paar Minuten später saß ich in einem Bistro an der Avenue Decobe und spülte mir den Champagnergeschmack aus dem Mund, dann rief ich in meiner Wohnung an, es hob niemand ab, verdammt, Lenantais, der pont de tolbiac, diese Anarchos, war mir scheißegal, ich mußte mich verwählt haben, aber es nahm immer noch niemand ab, ich rannte aus dem Bistro und nahm mir ein Taxi.
Burma: Belita, Belita.
Burma: Auf dem Bett lag ein Zettel. Es ist besser, wenn ich gehe.
Belita: Es ist besser, wenn ich gehe, Salvator hat bewiesen wozu er fähig ist, wenn ich bei dir bleibe, wird er dich töten, ich will nicht, daß er dich tötet.
Burma: Ich lief durch die Stadt auf der Suche nach Belita, und ein bißchen Ruhe in meiner Brust, ich ging über den pont national über die breite Steintreppe, stand plötzlich wieder auf der Kreuzung cantagrel watt scherale, die Gebäude der Heilsarmee erinnerten mich wieder an Belita, hatte sie nicht von Lenantais Geschäftsbeziehung mit der Heilsarmee gesprochen, dieses Viertel geht aufs Gemüt, und ich rief meinen Freund Marc Covet an, um mich in Gesellschaft zu besaufen.
Covet: Nestor Burma hat Kummer, schlimm.
Burma: Ja sieht so aus.
Covet: Komm spucks aus, worum gehts, ne Frau.
Burma: Auch und vor allem das Gefühl, daß ich nahe dran bin, aber keine Idee, ich brauch sie doppelt, einmal so, und als Muse.
Covet: Wie verstehe ich denn das.
Burma: Belita hat was gesagt von Lenantais und der Heilsarmee, jetzt ist sie weg, ich find sie nicht mehr, weiß sowieso nicht weiter, was soll ich mit der Heilsarmee.
Covet: Vielleicht einen alten Anarchisten, bei ihnen untergeschlüpft ist, das machen solche Kerle öfter, wenn sie rauskommen.
Burma: Bleib sitzen, und sauf eine auf meine kosten.
Covet: Ja mach ich.
Mann: gott ist mit dir.
Burma: Mag schon sein aber ich bin Schriftsteller, und bereite ein Buch vor über Bagno-Sträflinge, die wieder Fuß gefaßt haben nach ihrer Entlassung, und da ich weiß, daß die Heilsarmee sich derer annimmt, ist meine Frage, ob sie mir nicht Gesprächspartner aus ihren Reihen empfehlen, falls sie überhaupt solche kennen.
Mann: Ja nun einige niedere Ränge haben schwere Stunden durchgemacht, vorsichtig ausgedrückt, aber sie haben Glück, vor kurzen ist einer aus der Provinz hergekommen, er wird sich bestimmt mit Vergnügen für ihre Dokumentation zur Verfügung stellen, Yves Lacorre ist sehr hilfsbereit.
Burma: Yves Lacorre, Yves Lacorre, im Archiv des Crepuscule las ich den Fall des verschwundenen Geldboten nach, das Geheimnis des pont tolbiac, so bliesen die Journalisten den Fall damals auf, dann machte ich mich nochmal auf zur Heilsarmee, Lacorre war da gewesen, aber mit einem Besucher wieder weggegangen, sagte mir das Engelsgesicht von vorhin, ich lief wieder durch die lausigen Straßen des verlotterten Viertels, ein Wind blies durch die skelettartigen Bäume im Vorgarten der Entbindungsklinik, nicht gerade angenehm bei dieser düsteren Musik, was suchte ich eigentlich, Belita, Belita, cherie, siehst du wie du mir bei meiner Suche nach Lenantais Mörder behilflich bist, jetzt hab ich ihn, wieder ein Windstoß, sowas wie ein kleines Rad kam auf mich zugerollt, eine Uniformmütze der Heilsarmee, halleluja ich ging zurück, plustete mich nochmal auf, und bekam prompt Lacorres Sachen zu sehen, unter anderem einen Umschlag mit der Aufschrift für den Bezirkskommissar.
Lacorre: Kommissar, ich heiße Yves Lacorre, vor zwanzig Jahren habe ich mit zwei Komplizen die ich von den Anarchisten kannte, Camille Bernis und Jean genannt der Aufständische den Geldboten der Kühlbetriebe Monsieur Daniel in einen Hinterhalt gelockt, wir haben ihn im Keller seines eigenen Hauses vergraben, Bernis und Jean haben mich hintergangen, ich werde ihnen den Hals umdrehen oder sie mir, im zweiten Fall werden sie Kommissar diesen Brief lesen und dem Gesetz genüge tun, PS, um Lenantais brauchen sie nicht mehr zu kümmern, ich habe ihn zufällig wieder getroffen, er verkaufte alte Möbel und nannte sich Benoit, ich wollte von ihm wissen, wo ich Bernis und Jean finden kann, wir haben uns gestritten und ich habe ihn niedergestochen, damit habe ich der Gesellschaft einen Dienst erwiesen, denn er war ein Dogmatiker, also sehr viel gefährlicher als gewisse andere.
Burma: Ich faltete den Brief und wollte ihn in die Tasche stecken.
Mann: Das bekommt die polizei Monsieur.
Burma: Und dann stand ich auf der Straße, in der rue bruneseau, ich wußte selber nicht wie ich dahingekommen war, was ich da wollte, aber dann sprang ich über die Gartenmauer, ging die Kellertreppe hinunter, knackte das Vorhängeschloß, und riß ein Streichholz an, ob unter dem Boden tatsächlich eine Leiche lag konnte ich nicht sagen, darauf lag eine, in Heilsarmeeuniform, erschossen, Lacorre.
Covet: Es war eine verdammt lange Dienstreise, und jetzt eine Story aber fix, also hast du Lacorre gefunden.
Burma: Ja kannst dir anschauen, in einer dreckigen Baracke in der rue bruneseau, im Keller eingegraben liegt ein Geldbote seit 20 Jahren, darauf ruht Lacorre, erschossen, nettes Bild, exlusiv für dich.
Covet: Wer wars.
Burma: Baurenot oder Delong oder beide, ich dachte an Lenantais, er hatte Lacorre nicht verraten, wo er die beiden finden konnte, hätte er es getan, würde er noch leben, er war abgestochen worden für zwei abtrünnige Exgenossen, die ihn belogen und betrogen hatten.
Covet: Willst du immer noch den Willen von Lenantais erfüllen, willst du immer noch den Freunden helfen.
Burma: Baurenot traf ich am Austerlitz, reden wir, aber nicht so nah am Wasser.
Baurenot: Was willst du, ist ja alles bloß deine Schuld.
Burma: Was, der Mord an Lacorre.
Baurenot: Du weißt also bescheid du Schwein.
Burma: So ungefähr.
Baurenot: Delong hat den Kopf verloren.
Burma: Das finde ich überhaupt nicht, immerhin hat er geahnt, wo man einen ehemaligen Banjosträfling finden kann, wußte auch wo sich Lenantais rumgetrieben hatte, wo er überfallen wurde.
Baurenot: Da kann er ziemlich intelligent sein, schluß mit den gequatsche, wo sind die flics, du hast sie doch mitgebracht.
Burma: Sollen gleich hier sein, Lacorre hat es hinterlassen, ich bin gekommen um dir ne Chance zu geben, deine letzte, verschwinde, bei dir sowieso alles im Arsch.
Burma: Die flics machten den Rest und schnappten sich die beiden wohlanständigen Stützen der Gesellschaft, aber ich war noch nicht fertig mit dem 13. Arrondissement, ich machte mich auf die Suche nach Belita, wieder ging ich durch die Straßen die Belita und mich zusammen gesehen hatten, und eines nachmittags als ich mich in der Nähe des pont de tolbiac herumtrieb sah ich sie, sie kam direkt auf mich zu, es war ihr federnder Gang, der rote Rock, der gelbe Gürtel, die wiegende Hüften, die ungebändigte schwarze Haarpracht, die stolze Brust, sie lief auf mich zu, sank mir in die Arme, klammerte sich an mich, ich küßte sie, ihre Augen verloren ihren Glanz, mit einer Hand steichelte ich ihr über den Rücken, ich schaute über ihre Schultern hin weg, mitten auf der rue illustrela stand Salvador, die Hände in den Taschen seiner Jacke, er lachte.
Christian Brückner Nestor Burma
Sabine Postel Hélène, seine Sekretärin
Dieter Eppler Kommissar Florimond Faroux
Jürgen Andreas Inspektor Fabre
Manuela Romberg Bélita
Andreas Mannkopff Marc Covet
Karl Michael Vogler Baurénot, Ex-Anarchist
Joachim Bartels
Manfred Boehm
Ernst Konarek
Wolfgang Reinsch
Margarete Salbach
Willi Schneider
Andreas Szerda
Iris Werlin
Bearbeitung (Wort): Klaus Schmitz
Regie: Bernd Lau
Kommentar von giovannidinatale |
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Kommentar von Maximilian Thomas |
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Kommentar von Jonas |
Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Abgesang
Jonas: Sie war jünger als ich. Um die 40. Dunkles Haar. Dunkle Augen. Eine wohlgefällige Figur in einem dieser Outfits, die nach nichts aussehen und mehr kosten, als ein Detektiv im Monat verdient. In meinem schäbigen Büroapartment wirkte sie wie ein Kirschblütenzweig in einer alten Bierflasche.
Judith 2: Mein Name ist Judith.
Jonas: Judith?
Judith 2: Sie sehen mich an, als ob Sie mich kennen. Kenne ich Sie?
Jonas: Sie hieß Judith, und so sah sie auch aus. Was war das? Eine Halluzination?
Sam: Dejavu, Monsignore.
Jonas: Deschawas?
Sam: Ach vergiß es.
Jonas: Dabei hatte er so mies angefangen, dieser 1. Mai 2017. Der Geburtstag eines gewissen Detektivs. Ich war früh geweckt worden. Im Prinzip keine schlechte Sache, weil ich böse geträumt hatte. Ich war draußen, in PH 1, kroch durch Röhren, stand auf dem blutigen Dach, 600 m hoch, saß in einer überfüllten Kneipe, versoff meine Gutscheine. Ein Proll unter vielen. Das Leben war vorbei. Erinnerung. Oder Zukunftsvision? Gestern hatte das Amt für freie Berufe mich erinnert, daß ich nur noch zwei Monate Zeit hatte, einige tausend Euro zu verdienen, ansonsten drohte Ausweisung aus Babylon, in die Prekariats-Heimstatt. Das war kein Albtraum.
Sam: Happy birthday, lieber Jonas, happy birthday to you.
Jonas: Du mich auch, Sammy.
Sam: 50 Jahre sind es wert, daß man ihn besonders ehrt. Er lebe hoch, höher, am höchsten.
Jonas: 50. Auch das noch. Ist doch kein Alter für einen Detektiv. 30 OK, 40 geht noch. Fit und erfahren, eingedellt, Narben an Körper und Seele, oder 70 von mir aus, keine Exen mehr, dafür Kopfarbeit auf dem Sofa. Altersweise. Aber 50?
Sam: Hörst du das Fon, welch lieblicher Ton, ein Glückwunsch.
Jonas: Es war kein Glückwunsch, es war die Kündigung. Mein Viertel wurde saniert, mein Haus abgerissen. In einem Monat mußte ich raus aus meinem Büroapartment. Das Casablanca war schon seit Wochen geschlossen.
Sam: Und nun gerade: Happy Birthday!
Jonas: Halt die Backen, Sammy. Nachrichten.
Sam: Jawohl. Euer Wunsch o Herr sei mir Befehl.
Nachrichtensprecher: Im Sicherheitsrat der UN. Bekanntlich beansprucht China jedes chinesische Restaurant, wo immer es sich befindet, als Hoheitsgebiet, inklusive einer...
Jonas: Weiter.
Nachrichtensprecher: Unruhen in PH 1, die durch energisches Eingreifen der Grenztruppen beendet wurden. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten ist nicht bekannt. Wie...
Jonas: Weiter.
Nachrichtensprecher: Hat sich trotz Bemühungen der Aktion Lebensabend die Zahl hilfsbedürftiger Senioren weiter alarmierend erhöht. Und nun zum Wetter. Babylon registriert heute den 209. Regentag in Folge. Damit sind wir vom Rekord des Jahres 2014 nur noch 20 Tage...
Jonas: Na wunderbar. Dauerregen. 50. Geburtstag. Kündigung. PH 1. Graue Gegenwart. Schwarze Zukunft. Jonas steckte voll drin, im Babylon Blues. Aber dann kam sie. Judith. Nicht meine Judith. Nicht Judith Delgado. Natürlich nicht. Judith Delgado war seit 5 Jahren tot. Aber sie hieß Judith. Und sie sah aus wie Judith Delgado. Es war doch nicht alles mies, dachte ich. Doch dann sagte sie mir, wohin sie mich schicken wollte.
Judith 2: Ins Niemandsland.
Jonas: Will ich nicht. Mach ich nicht.
Judith 2: Sie müssen, Herr Jonas. Es geht um Nicolas, meinen Mann. Nicolas Toulemonde, Vizebischof der apostolischen Kirche.
Sam: Vize was?
Judith 2: Das ist sein Beruf.
Jonas: Halt den Rand, Sam. Hochanständiger Job.
Judith 2: Gewiß, aber auch, wie soll ich mich ausdrücken, vorhersehbar. Langweilig. Und darum unternimmt Nicolas zum Ausgleich Abenteuerreisen.
Jonas: Ins Niemandsland.
Judith 2: Vor einer Woche ist er aufgebrochen.
Jonas: Ohne Sie?
Judith 2: Er fährt immer allein. Ich mache mir nichts aus Strapazen, aus Hunger und Durst und Blasen an den Füßen.
Jonas: Sehr vernünftig. Ihr Mann ist also ins Niemandsland aufgebrochen, wann genau.
Judith 2: Am 24. April. Morgens. Am Abend hat er sich kurz gemeldet über Satellitenfon. Gut angekommen, alles in Ordnung.
Jonas: Angekommen, wo?
Judith 2: In Besalam. Zwischen Wildnis und Niemandsland, wo die Abenteuerkarawanen starten.
Jonas: So. Und dann?
Judith 2: Nichts mehr. Kein Anruf, keine Nachricht. Bis gestern.
Jonas: Haben Sie nicht versucht, ihn anzurufen.
Judith 2: Ja natürlich, immer wieder hab ich's versucht, aber ich hab nicht mal seine Mailbox erreicht. Ja, und dann kam gestern nachmittag dieser Anruf.
Jonas: Von ihrem Mann.
Judith 2: Von seinem Fon. Aber es war nicht Nicolas. Ein Fremder. Mit Drittweltakzent. Er gehört zu den Freiheitskämpfern des Orients. Hat er gesagt.
Jonas: Freiheitskämpfer des Orients. Nie gehört.
Judith 2: Ich habe das Gespräch selbstverständlich aufgenommen.
Kidnapper: Wir Freiheitskämpfer haben gefangen Bischof Toulemonde, wenn wir nicht bekommen drei Millionen Euro in Diamanten als Spende für Freiheitskampf wir werden töten Bischof Toulemonde.
Judith 2: Drei Millionen. Wann und wie soll ich...
Kidnapper: Planquadrat SW 170-2. Dort in Wüste großer roter Felsen, sieht aus wie Kamel. An diese Felsen wir warten Spende bis 4. Mai abend. Wenn Sonne untergeht und Diamante nicht da, wir werden zerschneiden Bischof und verteilen in Wüste. Verstanden.
Judith 2: Ja, aber...
Judith 2: Aufgelegt. Ich war geschockt, das werden sie verstehen, Herr Jonas.
Jonas: Sehr erschüttert schien sie allerdings nicht zu sein. Aber vielleicht war das Charakterstärke und Beherrschung. Alle Judiths sind starke Frauen.
Judith 2: Als ich mich ein bißchen beruhigt hatte, rief ich die Firma an, die Nicolas Reise organisiert hat.
Jonas: Name?
Judith 2: Extrem. Der ultimative Kick.
Jonas: Adresse?
Judith 2: Markgrafenboulevard 727.
Jonas: Was haben Sie erfahren.
Judith 2: Nichts. Der zuständige Sachbearbeiter hatte keine Ahnung. Er wollte sich schlau machen und mich dann zurückrufen.
Jonas: Hat er?
Judith 2: Bis jetzt nicht. Dann dachte ich an die Polizei.
Sam: Ha, die Bullen? Kannst du vergessen, Schwester.
Judith 2: Was ist das?
Jonas: Mein Computer. Sam. Redet viel, weiß dummes Zeug.
Sam: Nanana.
Jonas: Aber ab und zu hat er recht. Draußen im Niemandsland ist die babylonische Polizei machtlos.
Judith 2: Das hat mir Chefinspektor Brock auch gesagt.
Jonas: Sieh an, wir kennen Brock, was Sammy?
Sam: Ja, gewiß doch euer Gnaden. Hat der gute Chefinspektor nicht des öfteren in unseren Fällen figuriert, hmh?
Judith 2: Brock hat mir geraten, mich an Sie zu wenden, Herr Jonas, Sie könnten das Lösegeld überbringen, sie kennen das Niemandsland, hat er gesagt, sie waren schon mehrmals da.
Jonas: Dreimal. Und ich habe keine schönen Erinnerungen an die Trips. Beim letzten Mal war's am schlimmsten.
Sam: Fall Invasion, o Grödaz.
Jonas: Grödaz?
Sam: Ja, Grödaz. Größter Detektiv aller Zeiten. Dummie. Juni 2015.
Jonas: Das reicht mir. Noch mal muß ich da nicht hin.
Judith 2: O doch Sie müssen, Herr Jonas, weil ich Sie darum bitte. Außerdem zahle ich. 5 Prozent vom Lösegeld.
Sam: Fünf Prozent... sind 15.000 Euro.
Jonas: 150.000 du Dödel.
Sam: Siehst du, ein erkleckliches Sümmchen, Herr Rechnungsrat. Statuserhaltend gewissermaßen. Umzugsverhindernd.
Judith 2: Was meint er?
Jonas: Ah, nicht so wichtig.
Sam: Importane.
Judith 2: Brock hat noch mehr gesagt, Herr Jonas. Sie sind ein anständiger Mensch, und für den Job ist keiner so geeignet wie sie.
Sam: Ja das stimmt, ja ja ja.
Jonas: Mußte Jonas wirklich nochmals ins Niemandsland. Nur weil seine Auftraggeberin Judith hieß und aussah wie Judith Delgado, die erste und einzige Liebe eines älteren Detektivs. Vielleicht.
Jonas: Ich werde darüber nachdenken und sie anrufen, heute noch, nachdem wir ein paar Nachforschungen angestellt haben. Sammy und ich.
Judith 2: Danke, Herr Jonas.
Sam: Ja, denn wie spricht der weise Bosequo? Vorsicht ist der weibliche Elternteil des Keramikbehälters.
Jonas: Oder so ähnlich. Judith ging, und Jonas scheuchte Sam durch alle Datenbanken, zugängliche und weniger zugängliche. Ergebnis:
Sam: Sie ist echt, unsere JuTou.
Jonas: Wer?
Sam: JuTou. Kurz und prägnant für Judith Toulemonde, oder auch Judith zwo.
Jonas: Es gibt sie also wirklich.
Sam: Ja, die Dame ist astrein, Herr Oberförster, wie auch ihr Ehegespons, Nicolas Toulemonde, Vize der apostolischen Kirche, hochangesehene Bürger Babylons beide und betucht, ja, Haus im Golden Ghetto, höchster Sozialstatus.
Jonas: Schön für sie. Es wurde Zeit für einen Ausflug zum noblen Markgrafenboulevard, wo eine ganze Etage in einem noblen Hochhaus von der Firma Extrem belegt war. Ein gertenschlanker türkisgelockter Jüngling ließ sich herab, Jonas zu empfangen. Nösel hieß er. So stand es auf dem Schild an seinem lavendelfarbenen Armanijäckchen. Er musterte mich wie ein Angler einen alten Stiefel, der sich an seinen Haken verirrt hatte.
Nösel: Sie wollen doch wohl keine Reise bei uns buchen Herr äh... In diesem Falle gestatten sie mir den gutgemeinten Hinweis, daß die dafür erforderlichen Mittel weit über ihren Möglichkeiten liegen dürften. Wenn ich sonst noch was für sie tun kann.
Jonas: Sie können.
Nösel: Ach wirklich?
Sam: Wetten, der Typ heißt mit Vornamen Schorsch, oder Scholastikus.
Nösel: Wie meinen.
Sam: Nösel äh Schnösel. Paßt wie der Pickel auf den Arsch.
Nösel: Ich muß doch sehr bitten.
Sam: Ja dann bitten sie mal.
Jonas: Entschuldigen Sie meinen Computer, Herr äh Nösel, er ist ein wenig ungehobelt, wie sein Herr. Soll ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin ein exzentrischer Milliardär, wenn man mich ärgert, werde ich grob, sehr grob, saugrob, und dann könnte ich Ihnen zum Beispiel äh einige Knöchlein in ihrem eleganten Leib zerschlagen. Strafe und Schadenersatz zahle ich aus der Westentasche.
Jonas: Er wußte nicht, ob er mir glauben sollte. Aber als vorsichtiger Mensch tat er es. Und war bereit meine Fragen zu beantworten. Ja, Vizebischof Toulemonde hatte bei Extrem eine Reise gebucht, in den besonders wilden südöstlichen Zipfel des Niemandslands, nicht weit von der Mauer. Nein, er wußte nicht, was mit dem Kunden geschehen war, auch der von Extrem gestellte Reiseleiter war verschwunden. Ja, er hatte von Frau Toulemonde erfahren, daß eine Gruppe namens Freiheitskämpfer des Orients behauptete, den Vizebischof entführt zu haben.
Nösel: Im Übrigen muß ich Sie, wie bereits auch Frau Toulemonde nachdrücklich darauf hinweisen, Herr äh, daß eine wie auch immer geartete Haftung der Firma Extrem für die Folgen unvorhergesehener unglücklicher Zwischenfälle auf den von uns vermittelten Abenteuerreisen laut Vertrag völlig ausgeschlossen ist. Dieser Ausschluß gilt selbstverständlich auch für etwaige Entführungen und vergleichbare Mißgeschicke.
Jonas: Freiheitskämpfer des Orients, kennen Sie diese Gruppe, ist sie bei früheren Extrem-Reisen schon mal in Erscheinung getreten?
Nösel: Noch nie, Herr äh... wir kennen andere Organisationen, die Taliban, die Waffen-SS, die goldene Horde etc. die in der gleichen Branche tätig zu werden pflegen.
Jonas. Entführung und Erpressung von Lösegeld.
Nösel: Äh, ja. Dies zu verhindern zahlt Extrem besagten Gruppierungen gewisse Anerkennungshonorare.
Jonas: Schutzgelder meinen Sie.
Nösel: Wenn sie es so ausdrücken wollen, Herr äh.
Jonas: Und die rote Armee, ist die nicht auch im Niemandsland aktiv?
Nösel: Nicht mehr, Herr äh... Soweit uns bekannt ist, hat sich die rote Armee vor einem Jahr weit in den Norden, in die wilde Tundra zurückgezogen.
Jonas: Das war beruhigend. Denn die rote Armee, und speziell ihr Häuptling Generalissimus Stalin hatten mit Jonas noch ein Hühnchen zu rupfen. Das mußte nicht sein. Zu Hause rief ich Chefinspektor Brock an, um ihm ein paar Fragen zu stellen, aber das war nicht mehr möglich.
Frauenstimme: Chefinspektor Brock wurde ein Opfer des unermüdlichen Einsatzes der Sicherheitsbehörden für die Bürger Babylons. Bei einer Routine-Razzia heute Nacht im Reservat ist er aus dem Helikopter gestürzt und an den Folgen des Sturzes verstorben.
Jonas: Auch das noch. Meine Wohnung war gekündigt. Ich hatte kein Geld und keinen Sozialstatus, das Casablanca war zu. Dauerregen, 50. Geburtstag, und jetzt hatte Brock den Löffel abgegeben. Mein bester Feind. Mein einziger Freund. Wieder legte sich der Babylon-Blues über Jonas, so laut und so intensiv, als ob mir jemand Babylon unbedingt vermiesen wollte. Wie auch immer, Babylon war mir vermiest. Ich wollte raus, von mir aus sogar ins Niemandsland. Ich rief Judith an, und sagte ihr, ich würde ihren Auftrag annehmen.
Judith 2: Herr Jonas, ich bin hocherfreut.
Jonas: Den Herrn lassen Sie weg. Einfach Jonas, nur Jonas. Haben Sie das geforderte Lösegeld?
Judith 2: Kein Problem. 3 Millionen Euro in Diamanten liegen bereit.
Jonas: Dann bringe ich die Klunker für sie ins Niemandsland.
Judith 2: Nicht für mich, Jonas, mit mir. Ich komme mit.
Jonas: Haben Sie sich das gut überlegt, Judith, es wird gefährlich werden, strapaziös, vielleicht holen Sie sich sogar Blasen an den Füßen.
Judith 2: Ich bestehe darauf. Wann reisen wir ab?
Jonas: Sobald wie möglich, und das war sehr bald. Geld spielte keine Rolle. Noch am Abend flogen wir nach Bezalam. Von da ging's am nächsten Morgen weiter auf der Erde, aber nicht zu Fuß, wir mieteten den besten Wüstentruck, der zu haben war, Kettenfahrwerk, stabile Panzerung, großer Benzinvorrat in Zusatztanks, genügend Platz für alles, was der Mensch so braucht, wenn er vorhat, tagelang durch die Wüste zu ziehen. In diesem Fall zwei Menschen. Jonas fuhr. Judith saß neben mir, sehr schön anzusehen, in ihrem Safari-Overall von Dolce & Gabana. Gelbe und rote Wüstenfarben. Das Niemandsland war so, wie ich es in Erinnerung hatte, ziemlich tot, orange und grau, dazwischen Farbtupfer, schwarz, rot, giftgrün, Ruinen, Reste, Rost, geschmolzener Sand, Felsen. Tagsüber war es heiß, und nachts kalt, so kalt, daß Judith fror und zu mir in den Schlafsack kroch. Zweiter Reisetag, 3. Mai, wir erreichten Planquadrat SW170-2. Die Strahlen der untergehenden Sonne beschienen ein seltsames Gebilde am Horizont. Einen riesigen roten Felsen, der aussah wie ein liegendes Kamel, ein länglicher Kopf auf einem ebensolchen Hals. Dann ein großer runder Höker.
Sam: Ein Höker? In diesem Falle, hochgeschätzte Kommilitonen, handelt es sich keinesfalls um ein Kamel oder auch Trampeltier, der Wissenschaft bekannt als camelus bacterianus, vielmehr um ein Dromedar, camelius dromedarius.
Judith 2: Danke für die Vorlesung, Prof. Sam.
Sam: O gern geschehen Gnädigste.
Jonas: Ich glaube kaum, daß die sog. Freiheitskämpfer auf zoologische Finessen Wert legen. Dromedar oder Kamel, dieser Felsen ist unser Ziel.
Judith 2: Wir sind also angekommen.
Sam: Hurra!
Jonas: Noch nicht ganz, gleich wird's dunkel, wir sollten hier lagern und morgen früh weiterfahren, bei Helligkeit, damit wir sehen können, wer oder was uns erwartet.
Judith 2: Einverstanden. Halt an Jonas.
Jonas: In einer Höhle schlugen wir unser Lager auf. Nach dem Essen holte Judith eine Flasche aus ihrem Gepäck. Echt Whisky. Scotch. Old Forrester. Jonas Lieblingswhisky. Wenn er ihn kriegt, was selten genug vorkommt. Wir stießen an.
Judith 2: Auf Kamele.
Sam: Und Dromedare.
Judith 2: Auf Jonas.
Jonas: Auf Judith.
Sam: Auf Sam.
Judith 2: Auf den Erfolg unsere Mission.
Jonas: Auf den Erfolg. Der gefährlichste Teil kommt aber erst. Morgen.
Judith 2: Du hast ja so recht, Jonas, und du hast nicht die mindeste Ahnung, wie recht du hast. Trink aus.
Jonas: Ich wachte auf. Die ersten Sonnenstrahlen fielen in die Höhle. Das Feuer war ausgegangen. Mein Kopf tat weh. Mir war kalt. Kein Schlafsack. Ich kam auf die Beine, mühsam, und humpelte nach draußen. Keine Judith. Kein Wüstentruck. Kein Laserstrahler am Gürtel, und vor allem kein Sam, nicht in meiner Tasche, nicht auf dem Boden. Was war passiert? Ich sah mich um. Nur Niemandsland bis zum Horizont. Keine Bewegung. Kein Mensch. Kein Fahrzeug. Dann sah ich doch was, Kettenspuren vom Truck. Sie führten nach Osten, Richtung Kamelfelsen. Im grobkörnigen Sand gut zu erkennen. Ich ging ihnen nach. Die Spuren führten in einen Canyon. Ich folgte ihnen. Langsam. Es wurde enger. Die steilen Wänden rückten näher zusammen. Vor mir eine Kurve. Ich ging noch langsamer und spähte vorsichtig um die Ecke.
Stalin: Kiche. Jonas, galupschik, dawolowatsch, willkommen.
Jonas: Stalin.
Stalin: Bada. Generalissimus Stalin. Du überrascht, Arschloch, häh?
Jonas: Ich überrascht. Hinter der Kurve wurde der Canyon weiter. Überall Menschen, vor mir, hinter mir, über mir, zottige zerlumpte Gestalten, bewaffnet mit Keulen und Macheten. Nomaden. Hunderte, ein ganzer Stamm, Flüchtlinge aus der Drittwelt. Freaks, Mutanten, die rote Armee. So nannten sie sich. In der Menge stand unser Truck, und daneben noch ein Gefährt, eine Art gigantischer Bollerwagen, aus Holz und Metall, eine Plattform auf 6 gewaltigen Rädern. Darauf ein Blockhaus, eine Pauke mit Pauker, ein rotlackierter Thron, und auf dem Thron ein alter Bekannter.
Stalin: Du nicht gedacht Wiedersehen Generalissimus Stalin, hä? Arschloch Jonas.
Jonas: Eine unerwartete Freude, weiß Gott. Hast du dir ein neues Fahrzeug zugelegt, alter Gauner, was ist mit dem T54.
Stalin: Äh, Problem mit Tank. Immer Problem. Kein Diesel. Darum Tank verkauft.
Jonas: An wen? Wer ist denn noch blöder als ihr?
Stalin: An Stamm in Zewa, Norden. Alslutscher, Trankstinker, behandelt T54 als Gott. Nun, wir haben gebaut neue Auto.
Jonas: Ein Prachtstück. Und wie geht's selbst, Generalissimus.
Stalin: Spazibo. Wunderbar. Täubchen. Vetterchen. Hab ich doch endlich Arschloch.
Jonas: In den zwei Jahren hatte Stalin sich kaum verändert. Er sah immer noch aus wie ein sibirischer Dorfschullehrer. Schmal, weißhaarig, Drahtbrille, grüne Schirmmütze, Russenbluse, vollgesteckt mit bunten Abzeichen und Medaillen. Zerschlissene Reithose, Stiefel, und im Kopf noch klar. Er hatte nicht vergessen, daß Jonas ihn damals reingelegt hatte.
Stalin: Was wir mit dir machen, Arschloch, hä? Eingraben in Sand, alle Rotarmisten auf dich pissen, bist du tot. Dich kochen in Kessel ganz, ganz langsam und dann dich essen.
Judith 2: Ihre Wiedersehensfreude, verehrter Generalissimus, sollten sie ein wenig später Ausdruck verleihen, vorher hab ich noch mit Jonas einiges zu klären.
Stalin: Karacho.
Jonas: Judith. Sie stand auf der Plattform, direkt neben Stalins Thron. Wie eine Gefangene sah sie nicht aus. Während die Nomaden Jonas griffen und festhielten, stieg sie herunter, kam näher, und stellte sich vor mich.
Judith 2: Weißt du Jonas, die Sache war ein wenig anders geplant, aber Stalin wollte nicht warten, er ist vorgeprescht, weil er dich unbedingt allein in die Finger kriegen und nicht mit andern teilen wollte. Im Grunde kein Problem, soll Stalin dich eliminieren, meinen Auftraggebern wird das auch so recht sein.
Jonas: Deinen Auftraggebern?
Judith 2: Ahnungslos wie er noch immer ist. Richtig süß. Ich werde dir eine Geschichte erzählen, Jonas, so viel Zeit muß sein. Immerhin hast du mit mir den Schlafsack geteilt, das verdient Belohnung. Also setz dich und hör zu. Es war vor mehr als einem viertel Jahr, im Januar, da trafen sich im Club Caligari zu Babylon fünf Personen, die vieles verband, hohe Position, Macht, Reichtum. Vor allem aber der Hass auf einen Detektiv, der im Lauf der Jahre immer wieder ihre Pläne durchkreuzt hatte.
Plotz: Ich bitte um Ruhe. Die konstituierende Sitzung des Sonderkomitees Aktion Jonas ist eröffnet. Anwesend sind:
Paretzky: Dr. Sandra Paretzky, Bürgermeisterin von Babylon.
Waldorf: Astoria Waldorf, Vorstandsvorsitzende der Firma Multipharm, Leiterin der babylonischen Industrie- und Handelskammer.
Frank: Generalmajor Frank, Oberkommandierender der Geheimdienste und der Sicherheitskräfte.
Kasbek: Kasbek von der Korporation.
Plotz: Als Vertreter der sogenannten Unterwelt.
Kasbek: Bitte. Der organisierten Extralegalität.
Plotz: Wie Sie wollen. Anna Plotz. BIO Global. Wir alle haben schwerwiegende Gründe gegen Jonas, den sogenannten letzten Detektiv vorzugehen.
Paretzy: Er ist ein Störenfried.
Frank: Ein Krebsgeschwür.
Kasbek: Eine Pestbeule.
Waldorf: Und nicht zu vergessen ein Kostenfaktor.
Plotz: Schon früher haben einzelne von uns versucht, Jonas auszuschalten, ohne Erfolg, jetzt tun wir uns zusammen, das Maß ist voll, erst vor wenigen Tagen hat Jonas eine von langer Hand vorbereitete bevölkerungspolitische Aktion des Club Caligari in PH 1 verhindert, daher ist dieses Komitee zusammengetreten, dessen Vorsitz ich übernommen habe. Denn so großen Schaden Jonas Ihnen allen zugefügt haben mag, ich Anna Plotz, sitze durch seine Schuld gelähmt im Rollstuhl und habe darum das größte Recht auf Rache.
Alle: Jonas muß weg!
Plotz: Jawohl, Jonas muß weg, Jonas muß verschwinden, Jonas muß sterben. Um dieses Ziel zu erreichen, bündeln wir unsere Ressourcen, wir sind bereit, finanzielle Opfer zu bringen, in unbegrenzter Höhe. Wir werden alle psychologischen und kreativen Produktiv-Kräfte, die uns zur Verfügung stehen, gegen Jonas einsetzen, sie sollen Szenarien entwerfen, die zum erfolgreichen Abschluß führen.
Frank: Abschuß.
Plotz: Sehr witzig. Jonas muß verschwinden, darin sind wir uns einig. Die Frage ist wie.
Judith 2: Es wurde diskutiert und debattiert, delegiert und konsultiert, und bald begannen sich Leitlinien und Konturen abzuzeichnen.
Kasbek: Also keine Falle, kein maskierter Killer im Hinterhalt, keine schnelle Kugel in den Rücken?
Waldorf: Nein nein nein, Jonas ist ein besonderer Gegner, und verdient einen besonderen Abgang, eine große Oper, wenn Sie so wollen, kein mickriges Tralala.
Frank: Eine elaborierte Elimination ist doch viel befriedigender, viel interessanter.
Kasbek: Macht mehr Spaß, meinen Sie, General.
Paretzky: Wie dem auch sei, die äh, Elimination sollte keinesfalls in Babylon stattfinden, hier hat Jonas ein Heimspiel, er kennt sich aus, hat überall Freunde.
Plotz: Wir müssen ihn weglocken, so weit weg wie möglich.
Judith 2: Also ins Niemandsland, wo es am wildesten ist, hier, ein paar Kilometer entfernt, wartet ein Sonderkommando auf dich, Jonas. Killer der Korporation, Spezialisten vom Geheimdienst, ausgesuchte Sicherheitsexperten aus Großkonzernen, dazu als Sahnehäubchen gewissermaßen der eigens für dich aus dem hohen Norden angeforderte Generalissimus Stalin mit seiner Roten Armee.
Stalin: Dada. Wir hören, wir kommen, wir fangen Arschloch Jonas, wir machen tot Arschloch Jonas.
Judith 2: Geduld, Generalissimus, bald kriegen sie ihn und können mit ihm machen, was sie wollen, meine Geschichte ist gleich zu Ende. Über das Problem, wie Jonas ins ferne Niemandsland zu locken sei, zerbrachen sich diverse Experten, Kreative, Psychologen, Motivationsforscher, die gutbezahlten Köpfe. Schließlich schlugen sie zwei sich ergänzende Szenarien vor.
Plotz: Erstens, Jonas wird psychischem Druck ausgesetzt, er wird.
Waldorf: Weichgekocht.
Plotz: In eine praktisch ausweglose Situation gebracht, sein Umfeld bricht zusammen, er verliert die Wohnung, den Sozialstatus, das Stammlokal, den Freund.
Paretzky: Außerdem wird er 50, am 1. Mai, das dürfte ihn zusätzlich deprimieren.
Plotz: Zweifellos. Zweitens, Frau Delgado, Judith Delgado, hohe Beamtin in der Sicherheitsverwaltung, 2012 verstorben.
Waldorf: Jonas große Liebe.
Frank: Ja, die Frau seines Lebens.
Kasbek: Auf den Knopf müssen wir drücken.
Plotz: Wir schaffen eine zweite Judith. Eine Schauspielerin, die der Delgado ähnelt. Den Rest macht Plastiface. Wir geben ihr reale und virtuelle Existenzen.
Paretzky: Um die Dateien kümmere ich mich.
Plotz: Diese Frau wird bei Jonas auftauchen, ihm was erzählen, er wird verwirrt sein, verliebt, womöglich, auf jeden Fall weniger argwöhnisch.
Judith 2: Wie's weitergeht, weißt du. Es war eine interessante Aufgabe. Und daß sie jetzt zu Ende geht, tut mit fast ein bißchen leid. Generalissimus, Jonas steht zu Ihrer Verfügung.
Stalin: Konetschko. Wirklich. Dawei!
Jonas: Judith stieg in den Truck, und startete. Bevor sie losfuhr, lehnte sie sich aus dem Seitenfenster. In der linken Hand hielt sie was hoch: Sam.
Judith 2: Leb wohl, Jonas, in der kurzen Zeit, die dir noch vergönnt ist. Sag deinem Herrn Tschüß, Sammy. Und auf Nimmerwiedersehen.
Sam: Nein, o harsche Trennung, grausames Geschick, Jonas, was wird aus ihm werden, ohne Sam, und was wird aus Sammy ohne seinen Jonas, sind wir getrennt für immer, nein das darf nicht sein...
Stalin: Dawei Dawei!
Jonas: Die Rotarmisten nahmen ihre Plätze ein, vorn an der Deichsel, an den Querstangen rechts und links. Jonas wurden die Hände gefesselt, dann band man ihm ein Seil um den Bauch, das andere Ende hielt Generalissimus Stalin höchstpersönlich fest.
Stalin: Wir haben gewartet auf dich, zwei Jahr, Arschloch, wir weiter warten, ein Tag, zwei Tag, dieser Platz nix gut. Nur Dawei. Kollegen. Dawei. Dawei! Jucha.
Jonas: Die Riesenräder begannen sich zu drehen, knarrend und quietschend setzte der Bollerwagen sich in Bewegung. Die Nomaden zogen und schoben aus Leibeskräften. Der Pauker paukte. Stalin hatte seinen Thron verlassen und sich hinten auf die Plattform gesetzt, um Jonas zuzusehen. Der bemühte sich Schrittzuhalten. Ab und zu zog Stalin kurz am Seil, dann schlug Jonas hin, und wenn er sich nicht schnell genug aufrappelte, wurde er über Sand und Steine geschleift, zum großen Vergnügen des Generalissimus. So verging der Tag.
Stalin: Halt! Stoi! Hier machen wir Lager. Ruh dich aus, Arschloch, freu dich, morgen machen wir dich tot, langsam, ganzen Tag. Wir haben Zeit, hahahaha.
Jonas: Nette Aussichten. Natürlich kriegte ich nichts zu essen. Den abgearbeiteten Rotarmisten ging's kaum besser. Stalin schlug sich den Bauch voll, und legte sich dann zur Ruhe, im Blockhaus. Auch die Nomaden schliefen. Sogar die Wächter, die auf Jonas aufpassen sollten. Jonas schlief nicht, er machte sich Sorgen, außerdem hatten sie mich auf jede Menge Steine gebettet, scharfe spitze Steine. Die Nacht verging langsam, sehr langsam, plötzlich hörte ich was, an meinem linken Ohr. Ein Flüstern, das mir vorkam wie die Trompeten der Kavallerie oder ein Chor von rettenden Engeln. Dabei war es nur einer.
Sam: Erwache, mein Jonas, denn siehe, hier bin ich.
Jonas: Sam!
Sam: Ja wer denn sonst du Trantüte. Entfleucht bin ich der falschen Schlange der armen Computerklauerin. Wie gut daß ich meine Rollen dabei hatte. Gerollt bin ich durch brennendheißen Wüstensand, trotzend allen Gefahren, allen Strapazen. Bis ich ihn erreicht habe, meinen Herrn und Meister, meinen Jonas, mein ein und alles.
Jonas: Machs halblang Sam.
Sam: Nichts halblang. Jauchzet und frohlocket. Hurra. Hurra. Sam der Computer ist wieder da. Ah. Freust du dich denn gar nicht.
Jonas: Doch Sammy.
Sam: Und nun, teurer Freund, wird alles alles gut.
Jonas: Na hoffentlich. Sehr weit mußte Sam übrigens nicht durch den Wüstensand rollen, Judith traute dem Generalissimus nicht und war ihm gefolgt, nur wenige Kilometer entfernt hatte sie ihr Lager aufgeschlagen, mit dem Sonderkommando des 5er Komitees, das sie unterwegs aufgesammelt hatte.
Sam: Sie wartet ab, die schnöde Verräterin, bis mein Jonas seinen letzten Atemzug getan. Wenn hier was dazwischenkommt, greift sie ein mit ihren Spezialisten, denn vernimm, o Sultan, sie weiß haarscharf was hier abgeht, hat sie doch vor ihrem Aufbruch am gestrigen Tag eine hochsensible Minikamera ausgesetzt, und diese, o du mein ahnungsloser Engel umschwirrt dich bei Tag und in der Nacht.
Jonas: Jetzt auch.
Sam: Na klar jetzt auch.
Jonas: Dann sieht sie, daß wir miteinander reden.
Sam: Sieht und hört. Und nicht nur sie. Auch die rachsüchtigen 5 zu Babylon sind mit der Minicam verbunden, auf daß sie die Unbilden und das Ende ihres Todfeindes so recht von Herzen genießen können.
Jonas: Kannst du die Minicam abschalten Sam.
Sam: A little bit, Sir. Hier und da, ab und zu. Mit Mühe. Denn wisset: Sam hat nicht mehr all zu viel Saft.
Jonas: Das war ein Problem. Wo sollte ich hier im tiefsten Niemandsland einen Akku finden, oder eine Steckdose. Darüber mußte ich nachdenken, später. Jetzt war nur eins wichtig: von hier zu verschwinden. Sam blockierte die Minicam, mit Ächzen und Stöhnen und leisem Protest. Jonas scheuerte derweil Handfesseln und Seil durch, an Sams scharfer Kante, was seinen Protest noch verstärkte, weil es angeblich kitzelte. Und dann ab in die Büsche, die es hier natürlich nicht gab. Der Tag brach an. Jonas trabte durch die Landschaft gefolgt von der Minicam. Ich konnte sie sehen, wie ein Kolibri flatterte sie über mir, immer außer Reichweite, sie stieg und sank und kreiste, auf der Suche nach dem interessantesten Winkel, dem scharfen Bild.
Sam: Hä, geht nicht mehr, Meister, Sam muß die Minicam loslassen, seine Kraft ist verpafft äh verpufft meine ich.
Jonas: Dann können sie uns sehen, orten und verfolgen. Wir müssen weg, Sammy, weiter, wohin?
Sam: Nur einen Ausweg gibt es, hoher Herr, nur eine Richtung steht dir offen, die Wege nach Nord, West und Süd sind versperrt, durch Judith und die Rote Armee.
Jonas: Also nach Osten. Dann mal los.
Sam: Gemach Chef, wenn's doch nur so einfach wäre. Im Osten erhebt sich die Grenzmauer, und dahinter, ah, tief im Herzen des Niemandslandes, dort wo noch niemals nicht kein wißbegieriger Fuß eines Babyloniers trat, hinter jener großen Mauer, auf welcher zu unserem Schutze die wackeren Grenztruppen stehen, auf nimmermüder Wacht, am Tag und in der Nacht, dort liebe Kinder erstreckt sich das erschreckliche tote Land.
Jonas: Das tote Land, ein Gebiet totaler radioaktiver Verseuchung. Seit vor einigen Jahren die östlichen Kernkraftwerke in Kettenreaktionen hochgingen. Während der sog. kleinen Atomkriege zwischen Indien und Pakistan, zwischen Iran und seinen Nachbarn. Gegen das tote Land war das Niemandsland eine städtische Parkanlage, sagte man. Lemuren und Monster sollte es dort geben. Aber niemand wußte genaues, niemand war je dagewesen.
Sam: Hä, so sieht's aus, euer Lordschaft, wollt ihr im Kessel gekocht bzw. im Sand verbuddelt und totgepullert werden, oder euch ins tote Land bewegen. Thats the question. Hörst du der Pauke tiefen Ton, die rote Armee, da ist sie schon. Auch Judith ist nicht mehr weit.
Jonas: Dann schon lieber das tote Land. Judith und Stalin überlebe ich ganz sicher nicht, das tote Land, wer weiß.
Sam: Jaja. Jaja. Mein Jonas ist ein Wandersmann, das steckt im so im Blut, drum wandert er so schnell er kann und schwenket seinen Hut, fallera...
Waldorf: Da rennt er durch den Sand.
Plotz: Schade, ich hatte mich schon gefreut, mir ausgemalt, was dieser Stalin mit Jonas anstellen würde, fantasievoller Bursche.
Frank: Eine Treibjagd ist doch auch ganz nett, Frau Plotz, und aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben.
Kasbek: An der Mauer werden sie Jonas stellen, da geht's nicht weiter.
Paretzky: Und dann kommen wir zu unserem Schauspiel, dauert nicht mehr lange. Cocktails, jemand?
Jonas: Jogging im heißen Niemandsland ist kein Vergnügen, besondern nicht wenn Sam dazu singt. Und eine nervige Minicam dir um den Kopf schwirrt, ganz zu schweigen von blutdürstigen Killern nicht weit hinter dir. Vergnügen oder nicht, Jonas trabte weiter, bis es nicht mehr ging, dafür sorgte die Mauer. Schwarz und dräuend, 30 m hoch und bewacht, nicht von wackeren Grenztruppen. An der Grenze zum toten Land sind Roboguards eingesetzt. Fehlerlos. Unbestechlich, sie schlafen nie und lassen nicht mit sich reden.
Roboguard: Halt, nicht weiter, das war die erste und letzte Warnung, der nächste Schuß trifft.
Jonas: Und da sind sie auch schon, Stalin und Judith. Was nun.
Sam: Spricht Zeus, die Götter sind besoffen.
Jonas: Red keinen Stuß, Sam, denk dir was aus.
Sam: Ist Sam ein Magier, wächst ihm ein Kornfeld auf der flachen Hand?
Karla: Jonas, hierher!
Jonas: Karla, meine Lieblingsterroristin, Chefin der babylonischen Stadtguerilla. In den vergangenen Jahren waren wir uns mehrmals über den Weg gelaufen, zuletzt Sylvester 2016. In der Wildnis. Wir hatten die Angewohnheit, uns zu helfen, was nicht hieß, daß ich ihr trauen konnte. Jetzt war sie hier, im Niemandsland, am Fuß der Mauer, sie steckte den Kopf aus einem Loch im Felsen, und winkte mir zu.
Karla: Komm her, Jonas. Beeil dich.
Jonas: Augenblick Karla. Sam?
Sam: Was steht zu Diensten?
Jonas: Die Minicam, kannst du sie noch mal blockieren?
Sam: Na, mal sehen, Kumpel, Leben ist schwer für 'nen kleinen Computer.
Jonas: Streng dich an, Sammy.
Sam: Was tu ich denn wohl, du Obergurke. Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, Minicam blockiert. Aber lang schaff ich's nicht.
Jonas: Jonas kroch durch das Loch im Felsen. Zu Karla. Dahinter war ein niedriger Gang, abgestützt durch Metallstreben, ein aufgegebenes Bergwerk, aus der alten Zeit, als hier Menschen lebten und arbeiteten. Karla ging voran und leuchtete, mit einer starken Taschenlampe. Gut für uns, aber auch gut für die Minicam. Sie war uns gefolgt, unter die Erde, wir konnten sie nicht abschütteln, nur blockieren. Was Sam immer schwerer fiel.
Jonas: Geht's noch Sammy.
Sam: Soso lala.
Jonas: Halt durch.
Sam: Ja, Sam tut was er kann. Sam gibt alles.
Karla: Stop. Hier beginnt ein Schacht, da müssen wir runter.
Jonas: Nur zu. Karla hatte alles bei sich, in ihrem Rucksack, Seile, Steigeisen, Wandhaken. Wir kletterten. Tiefer, immer tiefer, die Luft wurde schlecht, Sam stöhnte, dann war der Schacht zu Ende, und es ging waagerecht weiter, die Luft blieb schlecht. Zum Glück gab es hier keine Ratten, wie in der babylonischen Unterwelt. Wieder ein Schacht, diesmal nach oben, wieder klettern, Stunden um Stunden, so kam es mir vor, bis wir über uns Licht sahen. Ich zog mich hoch und war draußen. Die Minicam folgte, in vorsichtigem Abstand.
Sam: Ich kann nicht mehr. Sam muß aufgeben, kein Strom. Hast du mal ein Watt Mister.
Jonas: Woher nehmen Sammy. Karla, wo sind wir? Karla?
Sam: Weg. Verschwunden. Wie die Wurst im Spunde. Spinde. Terroristin. Mal da mal weg, einfach so. Denn unergründlich sind ihre Wege. Amen.
Frank: Ah, Bild und Ton sind wieder da.
Waldorf: Ziemlich unscharf, und wackelig.
Plotz: Die Radioaktivität, Jonas ist im toten Land.
Paretzky: Sieht so aus, irgendwie muß er über die Mauer gekommen sein.
Kasbek: Eher unten durch.
Plotz: Bis ins tote Land werden sie ihn nicht verfolgen, unsere Leute und Stalin.
Frank: Das können wir von ihnen auch nicht verlangen.
Paretzky: Heißt das, Jonas ist uns entwischt?
Kasbek: Kein Stück. Im toten Land wird er krepieren. Langsam und unschön.
Plotz: Und wir sind dabei. Wunderbar.
Jonas: Jonas stand auf einem schmalen Streifen Land, Felsen besser gesagt. Über ihm eine brennende rote Sonne, rechts die Mauer, die von hier noch bedrohlicher wirkte als vom Niemandsland. Auf der linken Seite ein riesiger See, bis zum Horizont. Gewaltige Öllachen schwammen auf dem trüben Wasser. Sie schimmerten in allen Regenbogenfarben. Ab und zu blubberten Blasen aus der Tiefe und zerplatzen an der Oberfläche, mit infernalischem Gestank. Nicht sehr einladend. Ich dachte an Fall Euromüll. Die Giftmülldeponie in Afrika. Aber ich dachte nicht lange, dazu war keine Zeit.
Sam: Man schießt, Genosse.
Jonas: Auf uns, Sammy, die Roboguards auf der Mauer.
Sam: Willst du warten, bis sie sich auf dich eingeschossen haben, Stupido.
Jonas: Nicht unbedingt, aber was.
Sam: Schiffahrt tut not, Herr Vizeadmiral. Unser Kuzunft, Zukunft liegt auf dem Wasser. Steche in See.
Jonas: Ungern Sammy.
Sam: Ja, fällt dir was besseres ein?
Jonas: Leider nicht.
Jonas: Am Ufer lagen verrottete Plastikteile, ich griff mir einen leeren Behälter, groß und rund wie ein Baumstamm, noch einigermaßen in Schuß, damit sprang ich in den See, ein leiser müder Platsch, Jonas strampelte mit den Beinen, und kam so schnell weg vom Ufer, auf daß die Roboguards eifrig ballerten. Sollten sie. Ich strampelte weiter und weiter, Stunden vergingen, vielleicht Tage, hinter mir verschwand die Mauer, vor mir erschienen Berge, in weiter Ferne. Plötzlich packte mich was am Bein, eine Hand, eine Flosse, ein Wesen mit Menschenaugen und einem Fischmaul voller scharfer Zähne tauchte aus der Brühe auf, es war nicht allein, das Wasser geriet in Bewegung, mehrere Fischmenschen schnappten nach Jonas, der schlug aus und schlug um sich, es waren zu viele. Sie hätten mich unter die Oberfläche gezerrt, aber es wurde flacher, die Fischmenschen blieben zurück. Ein Stoß, mein Behälter saß fest, in schwarzem Sand. Jonas watete an Land und stolperte weiter.
Waldorf: Können Sie was sehen, General.
Frank: Grau in Grau.
Plotz: Die Signale der Minicam werden immer schwächer.
Kasbek: Von Fischmenschen zerfleischt, das wär's doch gewesen.
Frank: Abwarten.
Paretzky: Da, wir haben wieder Bild.
Plotz: Aber keinen Ton.
Waldorf: Mein Gott, wo sind wir, wie sieht's denn da aus?
Jonas: Knallbunt giftgrün signalrot gallegelb der Boden bestand aus geschmolzenem Plastik, spitze Zacken scharfe Kanten, das Gehen war mühsam wohin ich ging wußte ich nicht, immer weiter nach Osten, immer tiefer ins tote Land, das mit jedem Schritt toter wurde. Ich blieb stehen. Am Weg ragte eine hohe Eisenstange auf. Verrostet und zerfressen. Darin hing die ausgestopfte Haut eines Menschen mit zwei Köpfen.
Sam: Zweifellos eine Warnung, Meister.
Jonas: Für mich?
Sam: Ja, und wer sonst noch vorbei kommt.
Jonas: Warnung. Wovor?
Sam: Weiß nicht. Spielen nicht mehr mit, die kleinen grauen Zellen. Sammy verblödet. Demenz. Alzheimer.
Jonas: Sam, du redest irre.
Sam: Sag ich ja. To... Total irre. Total Irrsinn. Sammy muß aufgetankt werden, dringend.
Jonas: Es geht nicht, Sammy. Versuch durchzuhalten.
Sam: Gib mir Strom, Meister, nur ein ganz kleines bißchen. Bitte.
Jonas: Noch einer mußte dringend aufgetankt werden. Seit Tagen hatte ich nichts in den Magen gekriegt. Ich merkte, wie ich immer schwächer wurde und immer schwerfälliger voranstolperte, bis ich weit vor mir was sah und sofort wieder zu Kräften kam.
Jonas: Da, Sammy, ein Haus. Da steht Ca-sa-blanca. Das Casablanca. Da gibt's Strom, Sammy und Synthwhisky und was zu essen. Gleich, Sammy, gleich sind wir da. Ohh, oh oh... Das Casablanca ist weg. Einfach weg.
Sam: Ja, schon mal was von Fata Morgana gehört. Glotzkopf. Vater Morgana. Mutter Morgana. Oma Opa Onkel Morgana. Ganze Familie Morgana.
Jonas: Jetzt drehst du endgültig durch, Sammy.
Sam: Na und. Keine Kraft. Kein Saft. Sam wird dahingerafft.
Jonas: Sammy.
Sam: Nein hilft alles nichts, Chef. Sammy muß sterben.
Jonas: Nein, Sammy, nein.
Sam: Ist noch so jung. So jung.
Jonas: Computer können nicht sterben.
Sam: Wetten daß doch. Leb wohl Meister.
Jonas: Sammy.
Sam: War schön mit dir, echt super. Vergiß Sammy nicht. Und und begrab mein Herz an der Biegung des Flusses.
Jonas: Du hast kein Herz, Sammy.
Sam: Wetten daß doch. Sammy hat Gefühle. Sammy ist ein Mensch.
Jonas: Du übertreibst.
Sam: Vielleicht ein bißchen. Klingt aber schön. Irgendwie richtig schön. Und tschüß.
Jonas: Tschüß Sammy. Natürlich war ich traurig, sehr sogar, aber nicht nur. Ganz tief unten regte sich ein völlig anderes Gefühl. Ein Gefühl der Erleichterung, der Befreiung, endlich Ruhe. Ich stolperte weiter, und irgendwann muß ich dann eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war alles anders. Die Luft, das Land, die Farben. Um mich nicht mehr das bunte Gift des toten Landes. Ich sah Grün. Gesundes, lebendiges Grün, Bäume, viele Bäume. Lianen und Orchideen. Ein richtiger Urwald. Affen turnten durch die Zweige, Vögel sangen, unter meinen Füßen war Erde, braune Erde. Träumte ich?
Jamaro: Hier Jonas, hier ist dein Weg.
Jonas: Jamaro?
Jamaro: Folge mir.
Jonas: Aber du bist doch tot.
Jonas: Jamaro ging voraus, undeutlich, schattenhaft, zwischen den wuchernden Pflanzen kaum zu erkennen. Dann wurde es vor uns heller, immer heller. Jamaro winkte mir zu, und verschwand. Ich trat aus dem Wald ins Licht. Vor mir eine wunderschöne Landschaft, braune Hügel, grüne Wiesen, goldene Felder, vom tiefblauen Himmel schien eine freundliche gelbe Sonne, und in der Ferne sah ich eine Stadt, Häuser, Giebel, Türme, Wetterfahnen. Babylon? Aber diese Stadt war kleiner, ohne Klimadom, und viel schöner. Babylon, wie es vielleicht einmal war, wie es hätte sein können. Ich ging auf die Stadt zu, und aus der Stadt kam mir jemand entgegen. Ich blieb stehen. Ich steckte mitten in einem Wunder, aber ich konnte es nicht glauben. Judith. Judith Delgado. Keine Doppelgängerin mit Plastiface und Mord im Herzen. Judith, meine Judith, sie lief auf mich zu, und auch ich begann zu laufen.
Judith: Jonas.
Jonas: Judith.
Judith: Endlich bist du da, ich warte schon so lange. Komm.
Jonas: Wohin?
Judith: Nach Babylon natürlich. Da wirst du gebraucht. Philip Marlowe wartet auf dich, Sam Spade, Nestor Burma, die freuen sich mit dir zu arbeiten. Und ich freu mich, weil du nun endlich da bist. Komm.
Noch immer kein Bild.
Die Minicam ist endgültig hinüber.
Was ist mit Jonas.
Er ist zusammengebrochen. Das war das letzte, was wir gesehen haben.
Der kommt nicht mehr hoch.
Jonas sind wir los, oder meine Damen, meine Herren?
Ich schlage vor die Aktion Jonas für erfolgreich beendet zu erklären, was meinen sie.
Etwas unbefriedigend, aber wie die Dinge liegen. Einverstanden.
Von mir aus. Machen wir ein Ende.
Das war Abgesang. Eine Folge der Science-Fiction-Krimiserie Jonas. Nur Jonas. Und Sam. Von Michael Koser. Nähere Informationen und die Folgen zum kostenlosen Download finden Sie unter jonas-nur-jonas-und-sam.de. Eine Produktion der Kanzlei Dr. Bahr. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Karin Anselm, Katja Brügger, Gisela Ferber, Uwe Friedrichsen, Stefan Gnad, Thomas Karallus, Vanida Karun, Andrea Lienau, Christoph Morgenroth, Klaus Nietz, Deef Pirmasens, Christian Stark, Angelika Thomas, Henning Venske, Peter Weis und Elena Wilms. Ton und Technik: Marcus Giersch und Christoph Guder. Aufgenommen im Tonstudio Fährhauston in Hamburg (2008). Regie: Werner Klein.
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